Animal Collective: Wuchern, Schwabbeln, Kreischen

Animal Collective (Foto — Atiba Photo)
Foto — Atiba Photo
Geologist, Deakin, Avey Tare, Panda Bear (v.l.)

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Josh Dibb lag mit Fieber im Bett, als draußen vor den Fenstern die Magicicada septendecim mit ihrem Balzgesang loslegte. »Da war dieses irrsinnige Summen, dem man nicht entkommen konnte. Ein unglaublich hypnotischer, dröhnender, umwerfender Sound«, erinnert er sich. »Ich hatte einige Tage lang sehr hohes Fieber, ich muss wohl nahe am Halluzinieren gewesen sein. Aber der Effekt dieser Klänge auf mich war – einfach anders.« Über zwanzig Jahre später ringt Josh »Deakin« Dibb immer noch mit den Worten, die das große Brummen irgendwie einfangen könnten. Schuld waren Abertausende paarungswilliger Singzikaden, die den Osten der USA in 17-Jahres-Zyklen geradezu überfallen. Das fiebrige Erlebnis in seiner Kindheit hat etwas in Dibbs Wahrnehmung nachhaltig verschoben. Dafür darf er heute aber auch behaupten, dass Dinge wie visuelles Hören und sonisches Sehen zu seinem Jobprofil als Gitarrist bei Animal Collective gehören.

   Dabei sei er in synästhetischen Dingen gar nicht besonders begabt, erklärt Dibb und spricht im selben Atemzug von den »weichen Grauschattierungen«, von »schmutzigem Orange und Lavendel« der neunten Animal-Collective-Platte, die zufällig einen ziemlich gliederfüßigen Titel trägt: Centipede Hz sei das monochromste Album der Band bisher, betont Dibb, das habe ihm auch der in dieser Hinsicht viel empfänglichere Brian Weitz alias Geologist versichert. Wenn monochrom bei Animal Collective bedeutet, dass jedes Fleckchen im Klangbild mit greller Farbmasse verspachtelt wird, dann trifft das auf Centipede Hz ohne Zweifel zu.

   Stumpf wie Holz rockt es los. Ein Kreissägen-Riff aus Dibbs Gitarre hackt störrisch auf das komplett schiefe Metrum ein, allerdings nur, um den Platz zwischen den Schlägen freizuräumen für ein Quietschen und Fiepen wie von tausend gegrillten Glühwürmchen. Mit diesem Einstieg räumen Deakin, Geologist, Avey Tare und Panda Bear ratzeputz auf mit dem Weirdo-Loop-Pop, für den das Album Merriweather Post Pavilion vor drei Jahren so bejubelt wurde. Centipede Hz ist laut, krachig, aggressiv. Es ist Animal Collectives Rockplatte. Genauer: die Platte, die Uralt-Prog-Rock und faltig-schlaffe Psychedelia aus dem Korsett der Virtuosität schält, ihnen die verkünstelte Formverliebtheit austreibt und sie ziemlich offensiv zu neuer »Sei-einfach-du-selbst!«-Souveränität ermutigt. Also zu Schamlosigkeit, frei fließenden Bewegungen, wild ins Kraut schießenden Wucherungen diverser Seelenzustände, Schwabbeln, Kreischen.

   Dieser Selbsterfahrungstrip der Musik führte auch die vier Bandmitglieder zurück zu den Ursprüngen. Nachdem das vorhergehende Album von Noah Lennox (Panda Bear), Dave Portner (Avey Tare) und Brian Weitz nur zu dritt eingespielt wurde, war die Truppe nun mit Josh Dibb wieder vollzählig. Man nahm sich Zeit, kehrte aus den über die USA und Südeuropa verstreuten Wohnorten zurück in die gemeinsame Heimatstadt Baltimore, Maryland, und arbeitete dort mehrere Monate lang an neuem Material. Die Band empfand die Rückkehr dabei eher als Aufbruch. »Unsere Jahre in Baltimore waren Prä-Animal-Collective, das war eine Entdeckungsphase. Es gab aus psychologischer Sicht keinen Grund, dorthin zurückzukehren«, sagt Dibb, und Noah Lennox ergänzt: »Wenn überhaupt, fühlte es sich an wie ein Neuanfang.«

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Beim Gespräch in den Berliner Räumlichkeiten ihrer Plattenfirma verbreiten Dibb und Lennox glaubwürdigen Nerd-Charme. Die zwei Mittdreißiger geben sich sympathisch unbeleckt in Style-Fragen, sind höflich, zurückhaltend und bleiben auch dann noch in ihrem sachlichen Tonfall, wenn sie zum wiederholten Mal erzählen, dass sie von irgendetwas – von visuellen Eindrücken zum Beispiel, vom kollektiven Improvisieren oder von der Idee, nach Baltimore zurückzukehren – »psyched« sind.

   Das ist es auch, was die Verheißung ihrer Musik so attraktiv macht: die Pforte zum Freak-out steht mitten in der Normalität. Du musst sie nur leicht anstoßen, schon purzelst du aus dem Popmittelstand in eine grellbunte Anderswelt. Fast freut man sich über das kleine bisschen Lavalampenklischee und darüber, dass man Dibb und Lennox das Psy-Wort nicht erst in den Mund legen muss; die Wendung scheint im Gegenteil zu ihren Top Drei der Allzweckfloskeln zu gehören, auch wenn sie für ihre Musik lieber den Begriff Experiment in Anspruch nehmen als das in ihren Ohren ziemlich ambivalent und abgeschmackt klingende Label Psychedelia.

   »Der Schlüssel dazu, unsere Musik für uns selbst interessant zu halten, ist, dass wir mit unseren Ansätzen experimentieren «, erklärt Dibb. »Ich hatte öfter Diskussionen mit Leuten, die meinten, meine Definition von experimenteller Musik sei nicht ›wirklich experimentell‹ und bestimmte Ideen und Ideale dieser Musik hätten nichts mit dem zu tun, was wir machen. Aber für mich geht es genau darum: um die Idee, mit etwas zu experimentieren, das für die Band neu ist, darum, einen Raum zu schaffen, in dem etwas Überraschendes passieren kann.«

   Das Ergebnis dieser Experimente ist überaus verführerisch. Die Musik von Animal Collective wirkt wie das Versprechen, dass in jedem einzelnen Klang ein Wurmloch zu einer anderen Art von Wahrnehmung steckt. Man darf annehmen, dass sich der Grad an Euphorie bei der Rezeption dieser Band immer auch am eigenen Leidensdruck an den generellen Umständen und dem daraus resultierenden Fluchtbedürfnis bemisst. »Wer so lange in der Wildnis gewesen ist; wer so lange nach dem Rhythmus der Sonne und des Mondes gelebt hat wie die Leute vom Animal Collective, der lässt sich auf die naturentfremdete Hektik der Kulturindustrie nicht mehr ein«, schrieb Jens Balzer 2007 anlässlich der Veröffentlichung des Albums Strawberry Jam in SPEX. Ein schönes Bild. Ein Bild, das vor dem geistigen Auge sofort wieder auftaucht, wenn man sich ein wenig vom LSD-Honig dieser Musik um den Mund schmiert und sich eine Idylle abseits der immergleichen alten Adorno-Zwänge zurechthalluziniert.

   Mit der Kulturindustriehektik ging es für Animal Collective nämlich gerade vor fünf Jahren so richtig los. Denn trotz ästhetisch anspruchsvoller bis überfordernder Tier-, Natur- und Kosmossignale geht es hier nicht um irgendwelche Außenseiter-Psychos, es geht um ein Phänomen mit Strahlkraft bis in obere Regionen der Charts oder in die Welt der Late-Night-TV-Shows. Man kann immer wieder darüber staunen, wie einflussreich diese Band mit ihrem kakophonisch-hymnischen Sound geworden ist. Jedes neue Album wurde regelmäßig als das bis dahin beste gefeiert, spätestens bei Merriweather Post Pavilion war die Rede von der »wichtigsten Band der Welt«. Und den Klischees zum Trotz konnte der enorme Erfolg bei der Kritik nicht bloß in symbolischem Kapital umgesetzt werden. Das Album landete 2009 in den US-Billboard-Charts auf Platz 13 und verkaufte sich insgesamt in den USA sehr respektabel über 130.000 Mal, einen Auftritt bei David Letterman gab es on top. Aktuell listet der Tourkalender von Mitte September bis Mitte November über 30 Termine in Nordamerika und Europa, wobei die Band vorab betonte, sich mit Auftritten nicht zu sehr verausgaben zu wollen. Da scheint es verständlich, dass die Mitglieder des Kollektivs sich freuten, nach Jahren des versprengten Daseins an verschiedenen Wohnorten und eingespannt in den straffen Tour-Album-Tour-Rhythmus für die Produktion von Centipede Hz zum ersten Mal seit acht Jahren wieder in ihren Band-Naturzustand zurückzufinden.

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An den erratisch repetitiven, trotzdem ungemein hymnischen Strukturen des letzten Albums hatten Animal Collective wie drei assoziierte, aber disparat agierende Elektronikproduzenten gearbeitet. Der analytische Prozess des Musikmachens wurde dabei für sie ausgereizt. Nun bemühten sie sich wieder um die eigene Bandwerdung im handfesten Sinn: ein Proberaum, vier Jungs an ihren Instrumenten, drei, zwei, eins, los! Es ging zurück zur Synthese, zu »mehr Interaktion, mehr Performance«, wie Lennox sagt.

   Ein neuer Superlativ gilt dabei für Centipede Hz auf jeden Fall: Es ist Animal Collectives am sorgfältigsten gearbeitetes Werk bisher. Ausgangspunkt für den Clusterstrukturwahnsinn der Stücke ist oft immer noch das Hobby aller Uraltzauselbärte: der improvisierte Jam, der 2007 eben auch noch einen Albumtitel schmückte. Aber nach dem spontanen Zusammenschustern im Proberaum reiften die Stücke in monatelanger Praxis auf der Bühne, wurden zunehmend perfektioniert und erst ein knappes Jahr später weiter ins Studio getragen, um die mittlerweile genau abgezirkelten und vermessenen Ex-Jams auf Band festzuhalten. Das Resultat dieses Prozesses überfordert mit extremer Dichte, die Musik scheint zu bersten vor Energie und Überwältigung, selbst die Übergänge zwischen den Songs wurden analog zu den improvisierten Zwischenspielen bei Animal-Collective-Konzerten mit akustischen Ereignissen aufgefüllt.

   Die Reizüberflutung wirkt als Strategie, den Informationsüberfluss unseres Alltags mit seinen eigenen Mitteln zu kanalisieren – und ihn dabei in etwas aufregend Schillerndes zu verwandeln. »Ich frage mich, ob die Dichte dieser Songs ein Spiegelbild davon ist, wie sich die Welt heute tagtäglich anfühlt«, sagt Noah Lennox. »Ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, dass wir je darüber gesprochen hätten: ›Lasst uns jeden Part in jedem Song mit einer Tonne an Zeug vollstopfen, und es wird großartig sein!‹ Es ist einfach so, dass sich der Song nie fertig anfühlte, bis er all dieses Zeug in sich hatte.«

   So haben Animal Collective ihrer Musik gewissermaßen beim Selbstfindungsprozess assistiert und dabei zugesehen, wie nach und nach jede Lücke im Zeitkontinuum mit Klangmasse zugepfropft wurde. Das Paradoxe und Gute daran: Die Überfülle öffnet der Wahrnehmung wieder neuen Spielraum. Centipede Hz klingt so, wie Merriweather Post Pavilion mit seinem Optische-Täuschung-Albumcover aussieht. Kaum wendet man den Blick davon ab, geraten die monadischen Strukturen im Augenwinkel in Schwingungen. Alles ist Gezappel und Gewusel wie von Hunderten kribbeligen Frequenzbeinchen. Da bewegt sich was. Und es verspricht aufregend fiebrig zu werden.

   Einen der 30 Tourtermine absolvieren Animal Collective am Sonntag, dem 18. November, im Astra, Berlin. SPEX verlost noch 2×2 Plätze für das Konzert mit Prince Rama im Vorprogramm. Teilnahme ausschließlich via E-mail mit Betreff dem »Magicicada« (gewinnen_at_spex.de). Teilnahmeschluss ist Donnerstag, der 15. November, 10 Uhr. Es entscheidet das Los.

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Animal Collective
Centipede Hz
Domino / Rough Trade

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