Angel Olsen

Angel Olsen
FOTO: Jonas Lindstroem

Von Angel Olsen geht die verrückte Verführung derer aus, die kurz davor sind, wahnsinnig zu werden. Ein Porträt zum heutigen Tourstart.

Angel Olsen hält ihren amerikanischen Pass in beiden Händen. Selten war der Inhalt eines kleinen blauen Büchleins so verlockend. Man wüsste zu gerne, ob Olsens Eltern zugeknallte Hippies waren und ihre Geschwister Cloud, Cotton und Rainbow heißen, oder ob dieser Vorname doch ein kalkulierter, womöglich eingetragener Markenname ist. »Angel« – perfekt für eine lieblich-böse Folksängerin. Nicht nur die Medien lieben Engel mit Eisaugen.

»Ich heiße wirklich Angel«, sagt Olsen mit erstaunlich tiefer, verschnupfter Stimme. Den Blick auf ihren Pass muss sie bemerkt haben. »Meine biologischen Eltern haben mich Angelina getauft, aber als ich adoptiert wurde, hat man sich für Angel entschieden.« Olsen ist gerade aus Paris nach Berlin gekommen und hat heute gar keine Lust auf Interviews. »Schon gar nicht auf dieses Radioding«, murrt sie und verdreht die Augen, bis man nur noch das Weiße sieht. Erst als die Sprache auf Burn Your Fire For No Witness kommt, das zweite Studioalbum der 27-Jährigen aus Chicago, bessert sich ihre Stimmung.

Ob es reiner Zufall war, dass die Frau mit dem sakralen Namen die Platte ausgerechnet in einer Kapelle aufgenommen hat? Oder gibt es gar religiöse Verflechtungen? Immerhin hat Olsen als Schülerin in einer christlichen Ska-Punk-Band gespielt. »Das Studio heißt Echo Mountain«, sagt sie ungefragt, offenbar kann sie Gedanken lesen. »Es ist eine entweihte Kirche, die zum Studio umfunktioniert wurde.« Zusammen mit John Congleton, der schon St. Vincent und Bill Callahan produziert hat, und ihrer neu zusammengestellten Band nistete sich Olsen dort für biblische sieben Tage ein, um Burn Your Fire größtenteils live aufzunehmen.

Fast wäre es dazu gar nicht gekommen. Olsen, die schon auf Bonnie »Prince« Billys fantastischem Wolfroy Goes To Town auf sich aufmerksam machte und danach mit der Cairo Gang auf Tour ging, musste zunächst die Notbremse ziehen. »Ich stieg bei Bonnie ›Prince‹ Billy aus, weil es Zeit war, sich auf eigenes Material zu konzentrieren. Durch das ganze Reisen kam ich kaum zum Reflektieren, ich konnte nichts verarbeiten. Zu Hause habe ich dann sehr hart gearbeitet. Für andere war diese Arbeit jedoch unsichtbar, ich spreche von einem inneren Prozess.« Als Olsen das sagt, knöpft sie ihre Bluse noch ein wenig weiter zu.

In früheren Interviews hat Olsen oft über die Befürchtung gesprochen, ihre Lieder könnten zu persönlich sein. Anlass für solche Ängste gäbe auch Burn Your Fire For No Witness. Im Titelstück erzählt Olsen von problematischen Familienverhältnissen, sie singt: »I heard my mother thinking me right back into my birth« und »If you still got some light in you / Then go before it’s gone / Burn your fire for no witness / That’s the only way it’s done«. Auch auf ihrem zweiten Album beschäftigt sie sich also mit existenziellen Fragen, obwohl sie das gar nicht mehr so recht wollte. Das ist abermals ein Prozess. Es dauert seine Zeit, bis man das Feuer der Erinnerung entfachen und in sicherer Distanz zum Zuschauer werden kann.

Eigentlich könnte Burn Your Fire For No Witness nach dem Opener schon wieder vorbei sein. In »Unfucktheworld« braucht Olsen nur zwei Minuten, um alles zu sagen und ihren Zuhörern den Atem zu rauben – ihre Stimme durchbohrt einen hier bereits bei der allerersten Möglichkeit. »Ein Song ist für mich eine Jahreszeit voller Gedanken«, sagt sie nüchtern. Aber was das für Gedanken sind! Ihre Musik ist gerade dann am verstörendsten, wenn ihr die Rolle der lieblichen Folksängerin entgleitet und sie sich in noisige Taifuns hineinsteigert. Selbst in Stücken, die sich lethargisch dahinschleppen, spürt man den stummen Schrei, das stille, anmutige Aufbäumen. Olsen erinnert dann an Sandra Dee auf Koks, Nancy Sinatra mit Kater oder Blanche Du Bois lange nach der Zeit auf dem beschaulichen Familiengut »Belle Rêve«. Ihre Musik ist die eines gefallenen Engels, gezeichnet von existenziellen Ängsten, furchtloser Coolness und subtilem Sex. Von ihr geht die verrückte Verführung derer aus, die kurz davor sind, wahnsinnig zu werden.

SPEX präsentiert Angel Olsen live
28.03 Köln – King Georg
29.03 Berlin – HAU 1
03.04 Hamburg – Haus 73 / Kleiner Donner