Andrra – Traum feat. Trauma

Fatime Kosumi holt nach, was die Popkultur versemmelt hat: Mit den Mitteln von Club und Folklore erzählt sie Geschichten zum Heulen aus den düsteren Ecken kosovarischer Tradition. Außerdem trägt ihre Debüt-EP als Andrra einen Frauennamen. Am Mittwoch spielt sie live im Berliner Acud.

„Diese Rhythmen der traditionellen albanischen Folklore habe ich immer schon gehört – in einem dunklen Raum, mit tiefen, schweren Synthesizern“, sagt Fatima Kosumi und es wird noch widersprüchlicher: „Dazu diese alten Texte aus den Dörfern – der Sänger hat teilweise keine Zähne mehr im Mund und kommt gerade aus dem Feld.“ Aus den Alpträumen von gestern werden manchmal Träume von morgen. Als Andrra (albanisch für Traum) wagt Kosumi nun, ihr lange nur im Traum existierendes Experiment in die Realität umzusetzen. Und schafft es damit, in viele Richtungen Brücken zu schlagen: zwischen Stadt und Land, zwischen den Zwängen verschiedener Frauengenerationen, zwischen folkloristischen Drums und Lo-Fi-Synthesizerklängen.

Als Kind kosovarischer Gastarbeiter wuchs Kosumi in einem albanischen Haushalt auf bayerischem Boden auf. Zuhause und Parallelwelt, der sie animiert von der Aufbruchsstimmung Kosovos nach dem Krieg vor 16 Jahren den Rücken kehrt, um in das andere Zuhause zu ziehen – nach Priština. „Das war die Heimat, die man hat. Und irgendwie auch nicht. Als ich dorthin kam, dachte ich, ich sei die Coole aus Deutschland. Aber mit meinem Dorfalbanisch stand ich dann da“, erzählt sie, „und war die größte Bäuerin überhaupt.“ Kosumi erinnert sich nicht, sie schwelgt in Erinnerungen. An ein weltoffenes Priština, das seinerzeit eher Berlin als Rosenheim war. Dort kam sie das erste Mal in Kontakt mit der Underground-Kultur.

Die Traumata vorangegangener Frauengenerationen schreiben sich in unsere Gegenwart ein, auch Anddra trägt die Schicksale ihrer Vorfahrinnen in sich.

Die erste EP Palinë aber entsteht in Benin. Hier nimmt Andrra Form, Klang und dunkle Farben an. Sie beginnt mit den Texten jener traditionellen Lieder zu arbeiten, die sie von ihrer Mutter aus der Kindheit kennt – erschreckende Wahrheiten über jung verheiratete Frauen: „Das Mädchen besingt, wie es sich von der Familie verabschiedet, ehe sie vergeben wird. An solchen Abenden wurde in der Menge geweint. Es gab allen Grund zu weinen“, erinnert sie sich. Heute sieht sie in den Liedern aber vor allem die Stärke: „Es bleiben natürlich extrem traurige Texte. Aber wie die Frauen mit ihrem Schicksal umgegangen sind, wie sie dieser beschissenen Tatsache derartig gerade ins Gesicht blickten, finde ich unfassbar stark.“

Dass die Texte an Aktualität nichts eingebüßt haben, belegt eine Statistik der UN, die Kusomi zitiert: Weltweit seien 700 Millionen heute lebende Frauen als Minderjährige verheiratet worden. „Unglaublich, dass das Thema in der Popkultur keine Rolle spielt”, findet sie. „Diese Geschichten müssen erzählt werden. Und zwar im Jetzt.“ Die Traumata vorangegangener Frauengenerationen schreiben sich in unsere Gegenwart ein, auch Kusomi trägt die Schicksale ihrer Vorfahrinnen in sich. Und sie lacht, als sie von Freunden berichtet, deren Omas neuerdings auf Andrra abfahren. Texte ins Englische oder Deutsche zu übersetzen, kommt für sie nicht in Frage: In einer Sprache, die sie nicht versteht, wäre der Song für eine alte Frau nur einer von vielen.“ Andrra soll zur personifizierten Begegnungsstätte werden: für die Oma aus einem kosovarischen Dorf mit der Clubkultur des Westens.

Andrra live
06.12. Berlin – Acud

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