Andreas Spechtl „Thinking About Tomorrow, And How To Build It“ / Review

„Future memories“ an eine bessere Welt? Andreas Spechtls in Teheran aufgenommenes Album Thinking About Tomorrow, And How To Build It kommt gerade richtig für einen Herbst, in dem die übliche Depression noch durch faschistische Propaganda im Parlament verstärkt werden dürfte.

Future Music, das ist im besten Fall utopisch, aber eskapistisch. Wobei gegen kleine Fluchten nichts gesagt werden kann, wenn die Umständen derer, die sich mit ihrer Hilfe an einen anderen Ort transportieren lassen, schlecht sind. Andreas Spechtl hat sein neues Album mit dem sprechenden Titel Thinking About Tomorrow, And How To Build It in Teheran aufgenommen. Dort hat er den letzten Winter über gelebt und in seinem Studio Konzerte gegeben. Teheran ist eine Stadt, in der Eskapismus wohl überlebensnotwendig ist, will man nicht depressiv werden oder auswandern: „Future memories are haunting you“, heißt es gleich im ersten Stück dieses Albums, das an außerirdische Krautrock-Visionen anknüpft, aber im ersten „Interlude“ auch an den Afrofuturismus des Sun Ra Arkestras.

Diese Musik schwingt auf eher teutonische Weise vor sich hin.

Dazwischen drängen sich Erinnerungen an dystopische Industrial-Sounds und neohippieske Ambient-Trips – irgendwie fühlt man sich auch den Swing von To Rococo Rot erinnert. Spechtl arbeitet mit einer Fülle von Samples, Quelle sind unter anderem persische Percussion- und Saiteninstrumente. Er loopt und singt, wobei seine Stimme aus der Ferne kommt, einem Raum, der hinter einem Vorhang aus Filtern halb versteckt, halb offenbart wird. So schwingt diese Musik auf eher teutonische Weise vor sich hin, über gerade Beats, mit denen Neu! einst ganz England verrückt machten. Auch wenn Spechtl gelegentlich perkussive Akzente setzt, die neben der Spur liegen oder einfach alles fließen lässt, ozeanisch, ganz ohne Beat.

Thinking About Tomorrow, And How To Build It kommt gerade richtig für einen Herbst, in dem die übliche Depression noch durch faschistische Propaganda im Parlament und in den Talkshows verstärkt werden dürfte. Da kann es nicht schaden, hin und wieder beim cocooning im warmen Zimmer abzutauchen, Kräfte zu sammeln und sich an bessere Orte zu träumen, an die man sich erinnern kann, wenn man später wieder auf die Straße tritt. „Future memories“ an eine vielleicht bessere Welt. „Hidden Homes“ heißt das letzte Stück auf diesem Album.

Diese Review ist wie viele andere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 377 zu lesen. Das Heft ist versandkostenfrei hier bestellbar.

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