Als wir träumten – Saufen, prügeln, stolpern auf Augenhöhe

Spiel mit dem Gefühl unbestimmten Verlorenseins: Andreas Dresens Verfilmung des Clemens Meyer-Romans Als wir träumten ist einer der Wettbewerbs-Filme auf der diesjährigen Berlinale. Ab dem 26. Februar läuft das Post-Wende-Stück auch regulär im Kino an – Anlass, genauer hinzuschauen.

Wenn Andreas Dresen den Roman eines Leipziger Schriftstellers verfilmt, der vom Coming of Age vor und nach der Wende handelt, sind zunächst alle Zeichen auf »Ost« gestellt. Die Rede von »Ost-Schriftstellern« und »Ost-Regisseuren« erscheint zwar nicht mehr zeitgemäß, doch die Haltung dahinter, die DDR als putzig-bizarres historisches Phänomen betrachten zu wollen, hat sich in den letzten Jahren sogar noch weiter verfestigt. Clemens Meyer bot dieser Haltung schon 2006, als sein viel gepriesener Debütroman Als wir träumten erschien, mit seinem Erzählstil explizit die Stirn, besser gesagt: zeigte ihr den Stinkefinger. Auch Andreas Dresen wehrte sich in seinen Filmen stets hartnäckig, wenn auch weniger trotzig gegen die Sichtweise, in der DDR Geborene als mäßig interessante Außerirdische zu betrachten. Beide aber bestehen gleichzeitig auch auf der Eigenart ihrer Herkunft und Biografie. Wie ihre unterschiedlichen Strategien, mit dieser Tatsache umzugehen, nun bei der Verfilmung zusammenspielen, ist ebenso spannend wie sehenswert, sorgt teilweise aber auch für Frustration.

Meyer unterlief die Konventionen des »Ossi-Romans«, indem er die Marginalisierung der »Ost-Biografie« mit weiterer Marginalisierung konterte. Sein Buch handelt vom Gegenteil einer Jeunesse dorée: von einer Jugend, die sich im Genuss von Leipziger Premium Pils, Drogen und Straßenkeilereien verschwendet. Sein Schreiben, das, auf Augenhöhe mit seinen saufenden, prügelnden, stolpernden Protagonisten, auf Selbstreflexion verzichtete, verlieh einer tief empfundenen Melancholie Ausdruck. »Sicher, wir hatten eine Menge Spaß damals, und doch war bei dem, was wir taten, eine Verlorenheit in uns, die ich schwer erklären kann«, lautet das wohl bekannteste Zitat aus dem Roman. Dresen setzt in seinem Film, für den der 83-jährige Drehbuchtitan Wolfgang Kohlhaase die Adaption verfasste, genau mit diesem Gefühl unbestimmter Verlorenheit ein. Protagonist Dani sitzt mit seinem alten Freund Mark in der Ruine des Palast-Theaters, jenes Kinos, in dem sie einst zusammen Winnetou 3 und später Fickfilme schauten. Oder sitzt Dani doch alleine hier? Der Film entfaltet sich als ein Erinnerungspanoptikum, das assoziativ zwischen verschiedenen Zeiteneben hin und her springt: zwischen Kindheit und Jugend, Vorbestimmung und Desillusioniertheit, dem Leben vor dem Fall der Mauer und dem danach.

Da ist die Zeit kurz vor dem Herbst 1989, in der der zwölfjährige Dani und seine Freunde Mark, Rico und Paul noch brav mit roten Pioniertüchern um den Hals zur Schule gehen. Noch sind die sozialistischen Parolen maßgebend, aber Rico weigert sich eines Tages, weiter sowjetische Soldatenliteratur zu lesen, und verlässt den Klassenraum. Es gibt die Zeit nach der Wende, in der die Jungs »Kontakt aufnahmen«, wie es in Meyers Roman heißt. Bei Dresen sieht man, wie die Freunde betrunken in den Straßen randalieren, vor Schlägereien mit Nazi-Gangs fliehen, Erfahrungen im Jugendarrest sammeln und zwischendurch, als glorreichstes, alles überstrahlendes Ereignis dieser Jahre, einen Technoclub eröffnen. Frauen beziehungsweise Mädchen spielen nur am Rande eine Rolle, auch wenn der begehrliche Blick auf die eine oder andere zu mancher Verheerung führt. Wie das Buch ist auch der Film durchdrungen von Trauer und Schuldgefühlen, die vor allem der Jungsclique gilt.

Dresen hat wunderbare Darsteller gefunden für diese Figuren, Wolfgang Kohlhaase hat in seinem Drehbuch ein weiteres Mal wunderbar den Ton getroffen. Und doch leidet der Film ein wenig darunter, dass er gerade das Chaos, das im Nachhinein die schönste Zeit war, in eine Erzählordnung bringt, die es in der Vorlage so nicht gab.

Als wir träumten
D 2015
Regie: Andreas Dresen
Mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Ruby O. Fee u. a.

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