Alles scheiße (außer Pisse) – Schnipo Schranke vs. Pisse

Fotos: Marlen Mueller (Schnipo Schranke) & Christian Werner (Pisse)

Schnipo Schranke und Pisse erzielen Achtungserfolge durch urinaffine Spießermusik. Mit dem excremental anger der Sleaford Mods hat das nichts zu tun, goldene Zeiten sehen aber tatsächlich anders aus. Das Hamburger Duo Schnipo Schranke (zugezogen) und Pisse aus Hoyerswerda (born and raised) krempeln die Ärmel hoch und schaufeln Gesamtscheiße ans Tageslicht, während sie sich Konzeptmucke und Liebesleben widmen. Was läuft da?

An einem Berliner Sommertag versinken Friederike Ernst und Daniela Reis in einer blauen Couch ohne Rückenlehne. Das Sofa ist eines dieser Möbelstücke, die zwei Funktionen haben: Es lädt bei Meetings zum Rumlümmeln ein, oder es dient als Schlafmöglichkeit, wenn erst nach Mitternacht Feierabend ist. Wie das eben ist in Agenturen wie jener, in der sich Ernst und Reis ihrem ersten großen Interviewtag stellen. Nicht zuletzt weil sie darin etwas verloren aussehen, ist die Couch eine schöne Metapher für Schnipo Schranke, die schon im ersten Song ihres Debütalbums Satt rätseln, ob sich im Sitzen eine Karriere starten ließe. Eher nicht, aber Sitzen Sitzfleisch braucht es schon. »Wir hatten Bock, was zu machen, womit wir berühmt werden«, sagt Ernst. Da gehören Interviews und Fototermine eben dazu.

Pisse sind angeblich anders drauf. Eines ihrer Labels gibt auf Anfrage zwei Mail-Adressen und den Hinweis heraus, die Band sei »nicht auf Fame aus«. Tatsächlich kommt erst keine Antwort, dann eine zögerliche und sehr spät eine bestimmte: »Morgen, 19 Uhr vorm S-Bahnhof Pankow! Okay?« Okay. Um 20 nach sieben kommt ein skeptisch dreinblickender, Streichholz kauender Mann aus der Station. »Wolltest du hier ein Interview machen?« Es findet nach einem Sprung über einen Metallzaun auf einer Grünfläche über der Station statt.

Schlagzeug, nein, Keyboard und Synthesizer spiele er bei Pisse, verbessert sich der hagere Endzwanziger mit dem Anflug eines Lachens. Auf den Konzerten von Pisse aber tut das ein großgewachsener Wuschelkopf. Der Mann, der gerade Jack-&-Coke schlürfend über die Band spricht, sieht von den kurzen Haaren über den Blixa-Bargeld-Lidstrich bis hin zur grünen Krawatte ganz anders aus. Stimmt es also, sind Pisse nicht auf Fame aus? Haben sie deswegen jemanden vorgeschickt, der auch nach intensiver Recherche nicht eindeutig der Band zugeordnet werden kann, aber Tage später doch beim Fototermin auftaucht? Im Schlepptau: ein weiterer Typ, der augenscheinlich auch nicht zur Band gehört.

Sowohl Schnipo Schranke, die letztes Jahr mit einem Song namens »Pisse« bekannt wurden, als auch die prankster Pisse, die mit ihrer EP Praktikum in der Karibik und ihrer ersten LP Mit Schinken durch die Menopause einen Underground-Hype entfacht haben, machen Spießermusik. Die einen schnoddrig-humorigen Schunkelschlagerchanson, die anderen Theremin-quietschigen Punk mit Samplecollagen und NDW-Attitüde. Oder »Konzeptmucke«, wie Pisse es selbst nennen (lassen). Dass beide Bands von Pisse, Kacke, Sackhaaren und Biertitten singen, hat jedoch wenig mit dem excremental anger zu tun, den der Kulturjournalist Mark Fisher den Sleaford Mods attestierte. Wütend sind Schnipo Schranke und Pisse trotzdem. Nicht im Speziellen auf dieselben Dinge, aber im Allgemeinen auf die Gesamtscheiße.

»Meine Eltern finden das total cool, was wir machen.«
Daniela Reis, Schnipo Schranke

»Ich hasse mein Leben / Denn es stiehlt mir meine Zeit / Ich suche ständig nach mir selbst / Doch da ist nichts weit und breit / Vielleicht suche ich am falschen Ort«, heißt es auf Schnipo Schrankes Satt. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt fanden Ernst und Reis zwar keine Erfüllung, immerhin aber sich selbst. Beide waren schnell angeödet vom Curriculum. »Wir hatten Bock, mit weniger Aufwand mehr Effekt zu erzielen«, erzählt Ernst. »Am Tag acht Stunden Tonleitern zu üben, und danach klatschen dir drei Omis zu – das ist zu wenig Anerkennung für den Aufwand.« Schnipo Schranke wollten eben berühmt werden. »Das geht mit klassischer Musik höchstens, wenn du eines von diesen Wunderkindern bist«, so Ernst weiter. »Und dann bist du nur da berühmt, wo du es nicht sein willst. Dann findet das mein Vater gut. Das kann keine Lebensaufgabe sein.«

Also schrieben Schnipo Schranke Songs mit wenig Aufwand. Ein Presetbeat, eine Klaviermelodie, ein eingängiger Text und ein Blödelvideo, mehr brauchten sie am Anfang nicht. Nach einer Lesung steckten Schnipo Schranke Rocko Schamoni eine CD zu, der Punkseigneur vermittelte sie an das Label Staatsakt. Die Band sattelte auf Klavier und Schlagzeug um und spielte vor zwei Jahren ihr erstes Konzert im Berliner Festsaal Kreuzberg – zusammen mit Jens Rachuts Nuclear Raped Fuck Bomb.

Der Song »Pisse« wurde zum Hit, das Video dazu von YouTube gesperrt, weil darin ein gut erkennbarer Pimmel in einen Teepott pullert. Dass das Lied so viel Aufmerksamkeit erhielt, überraschte Schnipo Schranke nach viel positivem Vorabfeedback nicht. Dass das Video gesperrt wurde, immerhin ein bisschen. Am meisten wundern sie sich darüber, wer sie gut findet. »Unsere Zielgruppe ist in unserem Alter oder drüber«, sagt Reis. »Meine Eltern finden das zum Beispiel total cool, was wir machen. Das merken wir auch live: Es funktioniert bei älteren Semestern am besten.« Obwohl es also doch dem Vater gefällt: Mit dieser Art Lebensaufgabe können sich Schnipo Schranke bestens arrangieren.

Pisse gründeten sich 2012, ungefähr zeitgleich zu Schnipo Schranke, aber aus anderen Gründen. »Es ist so, wie du es dir vorstellst«, sagt ihr Vertreter über Hoyerswerda, die angebliche Heimatstadt der Band, die es mittlerweile ebenso angeblich nach Berlin und Leipzig verschlagen hat. »Du müsstest eigentlich jemanden fragen, der sich von der weißen Mehrheitsgesellschaft dort abhebt – ich bin relativ gut gefahren.« Im weiteren Verlauf des Gesprächs legen viele Dinge das Gegenteil nahe. Da ist der Fascho, der auf dem Pausenhof das Taschengeld einstrich. Da ist die Familie, die die Religion für sich entdeckte. »Bloß weil’s gottverlassen ist, heißt das noch lange nicht, dass die Leute nicht an Gott glauben«, konstatiert der Interviewte trocken. »Da wirst du eines Tages fast vergewaltigt, versuchst das aufzuarbeiten, und deine Eltern sagen: ›Wir hätten Gott vertrauen sollen.‹«

Bitteres Lachen über so viel Alternativlosigkeit. Hätten Schnipo Schranke ihr Studium beendet, wäre eine Musiklehrerinnenexistenz wahrscheinlich gewesen. Stattdessen haben sie eine Band gegründet. Der Abgesandte von Pisse beschreibt ein drastischeres Dilemma: »Wenn du aus Hoyerswerda kommst, hast du verschiedene Optionen, mit denen du dich beschäftigen kannst: Die Situation mit der Freundin. Und ob du aus Hoyerswerda weggehst oder dort bleibst. Die dritte lautet: ›Was ist denn eigentlich hier los?‹« An Punk als politisches Medium der Veränderung glauben Pisse nicht. »Wenn du aber nach Hause kommst, und die Mutter fängt an zu heulen, dann weißt du, du hast was richtig gemacht.«

»Wenn du nach Hause kommst, und die Mutter fängt an zu heulen, dann weißt du, du hast was richtig gemacht.«
Pisse

Mit ihrer patchworkartigen Verwendung von Samples wollen Pisse nur abbilden. »Ich glaube, das ist ein Punkrock-Element«, sagt ihr Gesandter. »Wir liefern keine Lösungsansätze, und das haben Punks noch nie gut gemacht. Auf Parolen haben wir auch keinen Bock. In der Kunst arbeitest du aber mit Verkürzungen. Die Leute fressen es dann, weil das Gefühl einer gemeinsamen Ebene da ist.« Linker Selbstzufriedenheit liefern Pisse eine Weltbildbestätigung in knappen Texten. Am Ende aber lacht die Band. »Einerseits triffst du keine Aussagen, hinter denen du nicht stehst. Andererseits spielen wir damit auch.« Das erstreckt sich nicht nur auf den Umgang mit der Presse, es kreiert auf Platte auch Widersprüche. Auf die Frage, ob das Missverstandenwerden Teil des Pisse-Konzepts sei, folgt ein entschiedenes »Ja!« von dem, der nur stellvertretend spricht.

Wenn Schnipo Schranke vor etwas Angst haben, dann gerade vor Missverständnissen. »Ich fürchte manchmal, dass wir zu prollig rüberkommen, weil wir bestimmte Ausdrücke benutzen«, sagt Reis. »Dass irgendwer ›Pisse‹ als Ballermannschlager verstehen könnte.« Der Humor der beiden – daran entzündet sich viel. Wenigen ist er zu derb, viele wollen darin ein Programm erkennen. Ernst und Reis beharren darauf, dass das nicht ihr Anliegen sei, sondern aus dem Versuch resultiere, ihre Themen unterhaltsam einzukleiden.

Insbesondere einem Vergleich widersprechen Schnipo Schranke: Ihre Texte zwischen Sadomasoaffären und Lobgesängen auf Sackhaare verfolgen nicht dieselben Ziele wie Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete. »Roche hat diese Sprache verwendet, um den Feminismus weiterzubringen«, sagt Reis. »Bei uns geht es um persönliche Gefühle. Wenn wir damit feministisch sind, liegt das nahe und kann sein, aber dafür haben wir unsere Sprache nicht ausgewählt.«

All das ändert nichts daran, dass sowohl Pisse als auch Schnipo Schranke gesellschaftliche Weitsicht an den Tag legen, egal wie sehr diese auch durch Understatement oder Humor verzerrt wird. »Wenn du dir die aktuelle Flüchtlingspolitik anguckst«, sagt der Pisse-Stand-in, »hat sich seit Anfang der Neunziger nicht viel getan. Auch nicht an der Ignoranz, mit der darüber hinweggesehen wird.« Der Song »Scheiß DDR« bringt das in wenigen Zeilen auf den Punkt: »Ach was wart ihr alle frei / Alle auf zum Flüchtlingsheim / Jeder haut ’nen Molli rein.«

Auch Reis möchte festhalten: »Wir haben ein klares Statement, was unsere Generation anbelangt.« Subtil schwingt es in den Liebesliedern von Schnipo Schranke mit. Satt ist Dokument eines gesellschaftlichen Selbstverwirklichungszwangs, der die Ökonomisierung des Liebeslebens mit sich bringt. »Der Druck ist enorm«, sagt Reis. »Aber was ist, wenn ich nicht mitmachen will? Ich kann in unserer Gesellschaft nicht funktionieren und möchte das auch nicht. Deshalb muss man sich etwas Eigenes schaffen.« Eine Band zum Beispiel. Fragt sich nur, ob das nicht in die Hose gehen könnte. »Das wird nicht passieren. Wenn doch, haue ich nach Thailand ab und kaufe mir einen Affen, der Kokosnüsse von den Palmen holt.«

Pisse

Vom »Cluburlaub in der Karibik« und anderen Fluchten träumen Schnipo Schranke häufiger. Pisse nannten ihre erste EP Praktikum in der Karibik und schreiben in einer Art Pressetext, dass Punkrock »das beste Reisebüro« sei. Ob sich da etwa ein gemeinsames Verlangen artikuliert? Der Bandvertreter verneint grinsend. »Beim kritischen linksbewussten Volk funktioniert Sehnsucht immer.« Pisse sind vielleicht nicht auf Fame aus, aber immerhin neugierig auf die Mechanismen der Musikindustrie. Illusionen hegen sie deshalb nicht. »Man sucht Nischen, um mit der eigenen Verrücktheit seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber das ist auch ein genormtes Leben in anderer Form.« Knackig wie ein Wiener heißt es dazu in einem Pisse-Song: »Freiheit ist die Wahl / Zwischen Ketchup oder Senf«.

Eine Einsicht, die Schnipo Schranke, die sich nach Imbissbudenslang (Schnitzel mit Pommes, Mayo und Ketchup) benannt haben, teilen. »Wir behaupten ja nicht, dass wir frei von Schwächen sind«, sagt Ernst. »Darum geht es doch gerade: dass man vermeintliche Schwächen offenlegen kann und sich nicht dafür schämen muss. Ich finde es ziemlich schäbig, aus Langeweile berühmt werden zu wollen. Natürlich hat das mit Geltungsbedürfnis zu tun, aber warum soll ich das verstecken? Es ist einfach so. Wir hätten das nicht gemacht, wenn wir nicht so frustriert gewesen wären.« Und jetzt sitzen sie da, auf dieser blauen Couch ohne Rückenlehne, die so treffend symbolisiert, womit ihre Ausbruchsversuche einhergehen.

Die echten Pisse sitzen derweil irgendwo anders und machen sich vor Freude über ihren Gag wahrscheinlich in die Hosen.

Dieser Text ist der Printausgabe SPEX N° 363 erschienen und kann im Online-Shop versandkostenfrei bestellt werden.

 

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