All Diese Gewalt »Welt in Klammern« / Review

Zwei Jahre hat Die-Nerven-Sänger Max Rieger an dem neuen Album seines Soloprojekts gearbeitet. Dabei ist der der frühere Proberaumcharakter einer neuen Vielschichtigkeit gewichen.

Den Tausendsassa Max Rieger kennen wir. Mit Die Nerven zerrte er Stuttgart zurück auf die musikalische Landkarte und verhalf nebenbei dem Postpunk hierzulande zu neuem Ansehen. Er ist so etwas wie das Gesicht der süddeutschen Bandszene und hat bei so ziemlich allem, was an Musik aus dem Großraum Stuttgart kommt, seine Finger im Spiel. Sei es als Produzent (Karies, Wolf Mountains), in weiteren Projekten (Beben, Jauche) oder mit seinem eigenen Label für Abseitiges, All Holes Records. Unter dem Namen All diese Gewalt begegnet uns der Melancholiker Rieger. Getrieben von repetitiven Drone-Sounds lullt er uns ein in eine wohlige Welt zwischen Trübsal und Wutausbruch, in den ewigen Regentag, an dem es okay ist, das Bett niemals zu verlassen.

Immer noch der gleiche tiefe Sog, die gleich Leere, der gleiche Regen.

Wollte man bisher wissen, was der melancholische Rieger so treibt, musste man selbst auf die Suche gehen. Seit der ausschließlich digitalen Veröffentlichung der ersten EP All diese Gewalt! (damals noch mit Ausrufezeichen!) ploppten hie und da Veröffentlichungen von All diese Gewalt auf. Mal auf dem Stuttgarter Label Treibender Teppich, wie 2014 das Debütalbum Kein Punkt wird mehr fixiert, mal gleich als Eigenveröffentlichung. Das Material klang meist rau und kratzig, wie eine Momentaufnahme, direkt auf ein Mehrspurgerät aufgenommen und ohne großartige Postproduktion direkt veröffentlicht.

In dieser Hinsicht hebt sich Welt in Klammern klar von seinen Vorgängern ab. Zwei Jahre hat Rieger laut Eigenaussage an dem Album gearbeitet, jedes Stück bestehe aus über 200 Einzelspuren. Mit Staatsakt hat er ein renommiertes Label gefunden, sogar Pressetage und der ganze Rummel sind angedacht. Die Stimmung der Musik hat sich jedoch kaum verändert. Immer noch der gleiche tiefe Sog, die gleich Leere, der gleiche Regen. Der Proberaumcharakter früherer Aufnahmen aber ist einer neuen Vielschichtigkeit gewichen. Statt bedrohlicher Bassläufe halten jetzt oft eingängige Synthie-Spuren die Stücke zusammen, die mit Field recordings, allerhand Orgeln, metallenem Geklimper und anderen Kleinigkeiten ausstaffiert sind. Um ein Haar könnte man von echten Popsongs sprechen. Rieger trägt sein bisheriges Liebhaberprojekt damit hinaus in die Welt. Die angedachte Aufmerksamkeit hätte es verdient.

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