Album der Ausgabe: Jenny Hval »Blood Bitch« / Review

Was kommt nach der Apokalypse? Vermutlich das Untotsein. Irgendwo in der Mitte von Blood Bitch fragt eine Frauenstimme: »Wovon handelt das Album, Jenny?« – »Von Vampiren« lautet Jenny Hvals lapidare Antwort. Ganz so einfach ist das dann aber doch nicht. Blood Bitch erscheint am 30. September und ist das Album der aktuellen SPEX-Ausgabe N° 370.

Die Norwegerin hat die politischen Kampfthesen vom Vorgängeralbum Apocalypse, Girl mit reichlich Fleisch und Blut gefüttert. Für die Praxisübung ihrer Spezialthemen – weibliche Identitäten, Intimitäten und Körperlichkeiten – hat Hval auf Blood Bitch eine fiktive Rahmenhandlung erdacht: Eine zeitreisende Vampirin, die ihre Opfer auf der Tanzfläche auswählt. Dass weder der obligatorische Obervampir noch sonst irgendwelche Männer eine tragende Rolle spielen, kommt natürlich wenig überraschend. Schon das Albumcover zitiert mit seiner peel-off-Gesichtsmaskenhaftigkeit Ingmar Bergmans Identitätsdrama Persona, in dem die depressive Schauspielerin Elisabeth und ihre Pflegerin Alma zwischen Bewunderung, Abhängigkeit, Mütterlichkeit, Schwesterlichkeit, Identität, Konkurrenz und Hass schwanken. Blood Bitch dagegen schafft einen safe space durch die wiederholte Zurschaustellung von weiblicher Solidarität und Intimität. Die Frauen in Hvals zehn Songs machen sich nicht für fremde Augen schön, sondern sind ganz bei sich. Auf der Bühne trägt die Künstlerin selbst manchmal fleischfarbene shape wear, die andere nur drunter zu tragen wagen.

Jenny Hval ist erst zufrieden, wenn ihre Arbeit Verwirrung stiftet und Fragen aufwirft. Zum Beispiel: Bekommen Vampirinnen eigentlich ihre Tage? In der Überkreuzung von Vergänglichkeitssymboliken und der ursprünglichsten Metapher für Fruchtbarkeit, der Verschränkung von Tod und Geburt, überhöht Hval das Natürliche zum Transzendenten. Trotzdem muss sie regelmäßig feststellen: »It hurts everywhere«.

Zwischen Zartheit und Gewalt, Hall und spoken word, catchiness und Noise ist bei Jenny Hval nur eines sicher: The future is female.

Hval hat sich in letzter Zeit öfter an ihre Goth- und Metal-Vergangenheit erinnert, wie die Eindrücke von Horror- und Exploitation-Filmen der Siebzigerjahre beweisen, die sich unter anderem in unheilvollem Dröhnen andeuten. Blood Bitch ist dennoch ihr bislang poppigstes Album geworden – viel flüssiger als Apocalypse, Girl, aus dessen Fragmenten sich nur hin und wieder Melodien herausschälten. Beats und Themen überleben nun auch über die Länge eines ganzen Songs. Davon profitiert Hvals schon immer ausuferndes Songwriting. Gleich passiert ein Unheil, prophezeien die Drones, aber Hvals verschwörerischer Flüsterton wiegt uns noch in Sicherheit. Bis das Horrorszenario »The Plague« mit Schluchzen, Orgelwahnsinn und in Zungen vorgetragenen Todesklagen hereinbricht. Dann wieder Entwarnung: »Don’t be afraid, it’s only blood.«

Die Bedrohung lauert bei Hval überall im Körper: Nicht nur über die Menstruation, sondern auch über das weibliche Begehren, über diese Tabus, die nur hier längst keine mehr sind, will Hval sprechen und sprechen lassen. Auch wenn der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis in einem Sample die Macht des Individuums für endgültig beendet erklärt. Zu groß seien die Widersprüche und das Durcheinander unserer Zeit – jeder Versuch der eigenen Geschichtsschreibung: zwecklos. »What is this desire?«, fragt Hval selbst und hechelt bei »In The Red« als mögliche Antwort das Animalische herbei. Ganz sicher ist sie sich aber nicht. Wenn die Liebe schon von Konsum und Kapitalismus zerfressen ist, kann Sex dann überhaupt noch frei sein?

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