Alec Empire vs. J Mascis

MascisJ Mascis und Alec Empire. Weiter könnten die Welten nicht auseinander liegen – denkt man. Der 1965 in Amherst geborene J Mascis dachte mit Dinosaur Jr. bereits Anfang der Achtziger und seit 1985 als Teil des SST-Universums den dynamischen Sound des Grunge vor – und ebnete damit den Weg für Bands wie Nirvana, Mudhoney und Soundgarden. Die Signaturalben von Dinosaur Jr. sind »You’re Living All Over Me« (1987), »Bug« (1988) und, alleine schon wegen des Covers, ihr Major-Debüt »Green Mind« (1991). Mascis, der ursprünglich Schlagzeuger war, wechselte bei Dinosaur Jr. zur Gitarre und prägte einen von extremem Noise, Verzerrungen und Feedbacks definierten Stil. Lautstärke! Neben Motörhead gelten Dinosaur Jr. als lauteste Band der Welt. Vor 18 Jahren löste Mascis das Ur-Line-Up der Band auf – Bassist Lou Barlow gründete 1989 Sebadoh, Schlagzeuger Murph schloss sich den Lemonheads an. 18 Jahre lang können Männer beleidigt sein. Das Zerwürfnis zwischen Barlow und Mascis gilt längst als epocheprägend. Im Juli 2006 reformierten sich Dinosaur Jr. überraschend in ihrer Urbesetzung. Am 27. April wird mit »Beyond« das langerwartete Reunion-Album veröffentlicht. Dreht man dieses Album laut, bekommt man Angst um die Boxen: Aus allen Kanälen dringen passive, langsame Gitarrenschichtungen über denen J Mascis’ unbändige Gitarrensoli thronen. »Beyond« klingt, als hätte das Trio nie eine Pause einer solchen Länge eingelegt.

    Alec Empire, Jahrgang 1972, lernte Mascis 1994 kennen, als dieser Empires linksradikale Technopunk-Band Atari Teenage Riot als Vorband für seine Europatournee einlud.
 
    ATR hatten mit ihrem progressiven Hardcore-Sound in Deutschland nie den Erfolg, den sie vor allem in Japan und in den USA verbuchen konnten, wo ihr Album »Burn Berlin Burn« Goldstatus erreichte. Lautstärke! Dank eines eigenen Mischpults auf der Bühne pflegten ATR ihren eigenen Bühnensound stets radikal nach oben zu pegeln, bis die Ohren bluteten. Atari Teenage Riot lösten sich 2000 nach einer gemeinsamen Tournee mit Nine Inch Nails auf, drei Jahre später starb Gründungsmitglied Carl Crack. Alec Empire gehört zu den umtriebigsten deutschen Elektronik-Künstlern: Unzählige Maxi-Singles und stilistisch vielfältige Alben pflasterten seinen Weg, darunter das grandiose Electronika-Jazz Album »Low On Ice« von 1995. Vor kurzem zog Empire von London, wo er lange Jahre gelebt hat, zurück nach Berlin. Hier gründete er ein neues Label namens Eat Your Heart Out, auf welchem er auch sein im Frühsommer erscheinendes Album »The Golden Foretaste Of Heaven« veröffentlichen wird. Auf diesem führt Empire seine Idee von Soundarchitektur fort, die digitale Hardcore-Elemente von ATR, weißes Rauschen, Gary-Numan-Zitate und krachende Noise-Gitarren als gleichwertige Ingredenzien zu einem niemals affirmativen, und doch überraschend poppigen Klang verfugt.

    Tatsächlich haben Alec Empire und J Mascis mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt. Nicht erst, seit Mascis 2004 die Schwester von Alecs Nachbarn
heiratete – stehen beide in engem Kontakt.
    Das Treffen zwischen Alec Empire und J Mascis fand im März in Berlin statt.

Wenn man zwei auf den ersten Blick so vermeintlich unterschiedliche Musiker an einem Tisch sitzen hat wie euch beide, stellt sich zwangsläufig die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Das Trio gilt als kleinste und zugleich virtuoseste Besetzung in der Rock- und Jazzmusik. Sowohl Atari Teenage Riot als auch Dinosaur Jr. waren bzw. sind Trios.
    J Mascis (JM): Wir haben all die SST-Trios geliebt: Die Minutemen, die Meat Puppets, Hüsker Dü – auf uns wirkten sie wie die erfolgversprechendste Art eine Band zu organisieren. Drei Musiker. Das ergab Sinn. Je mehr Musiker in einer Band sind, desto mehr Durcheinander gibt es.
 
Kann ein Trio den kohäsivsten Sound erzwingen?
    JM: Einerseits das. Andererseits kann man auch leichter miteinander auskommen. Man passt besser in einen Van, man kann auf diese Weise ganze Kontinente durchqueren.
    Alec Empire (AE): Ein Trio macht demokratische Entscheidungen möglich.

EmpireDu meinst: Zwei gegen einen?
    AE: Ganz genau. Ich erinnere die Tage mit Atari, da musste ich stets ganz genau argumentieren, um gegen die anderen beiden eine Chance zu haben und gegebenenfalls einen von den beiden auf meine Seite zu ziehen. Zum Schluss war Atari ein Quartett. Ab da wurde es kompliziert. Zu oft gab es eine Zweigegen-
Zwei-Situation. Manchmal sind es so kleine Dinge, die es schwer machen, Entscheidungen zu treffen und voranzukommen.
 
Beide Bands haben sich aufgelöst, zumindest Dinosaur Jr. haben sich nun wieder zusammengefunden.
    AE: Nach 18 Jahren! Ich war sehr erfreut. Nicht nur über die Reunion-Tour vor zwei Jahren, sondern auch darüber, dass es tatsächlich mit »Beyond« ein neues Album von euch gibt.
    JM: Wir haben im vorletzten Jahr eine Reihe von Konzerten gespielt. Irgendwie hatte es sich ergeben. Diese Konzerte führten wir im letzten Jahr fort. Da erschien es uns nahe liegend, auch ein neues Album aufzunehmen. Mal schauen, was passiert. Das war und ist die Stimmung in der Band: Mal schauen, was passiert. Auf alle Fälle hat es schon einmal bedeutet, dass wir ein paar neue Songs haben, die wir spielen können, nicht nur das alte Material.
    AE: Mich interessiert das mit der Wiedervereinigung, weil ich ja selber ständig gefragt werde, ob und wann sich Atari Teenage Riot wohl neu formieren werden. Bei Atari sieht die Sache natürlich ein wenig anders aus als bei den Pixies oder den Stooges. Seit Carl Cracks Tod halte ich eine Reunion natürlich für ausgeschlossen. Aber auf einer theoretischen Ebene bin ich mit der Frage sehr wohl konfrontiert.
    JM: Ich kann dir verraten, dass eine Reunion nach so vielen Jahren eine ganz schön seltsame Angelegenheit ist. Man ruft die Geister der Vergangenheit. Ja, es ist eine Reise in die Vergangenheit. Und ehe man es begriffen hat, ist es bereits neue Gegenwart. Eine komische Sache ist das: diese Zeitwahrnehmung… Aber wie mit allen Dingen verhält es sich auch mit der Umarmung der Vergangenheit. Der erste Schritt ist immer der schwerste.
    AE: Als Dinosaur Jr. vor eineinhalb Jahren ihre erste Reunion-Tour begingen, habe ich mir dein Konzert in Berlin angeschaut. Du spieltest Songs wie »Freak Scene«, und sie klangen wie sie in meinen Ohren klingen sollten. Es wirkte überhaupt nicht so, als hätte es eine Lücke von 18 Jahren gegeben…
    JM: Tatsächlich haben wir dort weitergemacht, wo wir vor 18 Jahren aufgehört hatten. Statt uns zu hassen und aufeinander loszugehen, kanalisierten wir die Energie in unsere Musik. Frag mich nicht, wie uns das gelang, aber genauso hat es stattgefunden. Diese Energie, mit der wir uns die Köpfe hätten einschlagen können, war immer noch da. Vielleicht war es in diesem Sinne gut, dass wir achtzehn und nicht zwölf Jahre gewartet haben…
    AE: Selbst, wenn man sich nicht hasst: Ich glaube, es ist immer gut, als Musiker in einer Band eine gewisse Spannung untereinander zu halten. Zu viel Harmonie kann den Energielevel weit nach unten drücken. Aber 18 Jahre, meine Güte! Ein neugeborenes Kind wächst in diesem Zeitraum zu einem sogenannten Erwachsenen heran.
    JM: Ja, vielleicht sind wir schlussendlich erwachsen geworden. Rückblickend kann ich mir keinen früheren Zeitpunkt vorstellen, wir hätten uns nur fertig gemacht. Lou Barlow war bis zuletzt auf mich nicht gut zu sprechen. Aber jetzt… Wir waren ja sehr jung, als wir Dinosaur Jr. gegründet haben. Wir waren unterentwickelte soziale Wesen. Wir waren damals 17 Jahre alt oder so. Könntest du dir vorstellen, diesen ersten Schritt auf Hanin Elias zugehen, Alec?
    AE: Ich kann mir nichts problematischeres vorstellen, als gemeinsam mit Hanin ein Studio zu betreten. Als ich dich nach deinem Berliner Konzert Backstage besuchte, betrat irgendwann auch sie die Garderobe. Ich musste den Raum fluchtartig verlassen. Bereits nach einer Minute waren wir am streiten…
    Ich habe gerade mein neues Label Eat Your Heart Out gegründet, habe meine neue Band. Alle Zeichen stehen auf Zukunft. Vielleicht müssen bei Hanin und mir auch 18 Jahre vergehen.
    JM: Einen Versuch wär’s sicherlich wert. Für welche Zeitschrift führen wir eigentlich dieses Gespräch?
    AE: Für die Spex. In den späten Achtzigern warst du sogar mal auf dem Titelbild: Du trugst ein T-Shirt mit einem riesigen gelben Smiley als Aufdruck. Das war die Zeit, als Acid-House gerade hochkam. Den Smiley zierte ein blutiges Einschussloch – Kopfschuss!
    JM: Ich erinnere mich. Wir kämpften an unterschiedlichen Fronten. Heute lachen wir darüber, aber damals schienen Gitarren und elektronische Musik unvereinbare Positionen.
    AE: Ziemlich genau zu dem Zeitpunkt begann ich tief in die elektronische Musik abzutauchen. Es herrschte damals ein Seperatismus, der heute gar nicht mehr nachvollziehbar erscheint. Ich finde es sehr interessant zu sehen, dass Leute wie wir beide tatsächlich sehr viel gemeinsam haben. Auf jeden Fall viel mehr, als wir es uns 1989 hätten träumen lassen.
    JM: Erinnerst du dich an die Show, die wir gemeinsam im Dock’s in Hamburg gespielt haben? Das war 1994.
    AE: Ich erinnere mich noch genau, wie sich im Vorfeld alle gefragt hatten, weshalb ausgerechnet Atari Teenage Riot und Dinosaur Jr. gemeinsam auftreten. Tatsächlich haben viele nach den Auftritten anders darüber gedacht. Sie sahen die Gemeinsamkeiten, die rohe, gewalttätige Kraft. Vor allem dein Gitarrespiel, J, dieses wilde Gitarrespiel, war für mich das Bindeglied. Zumindest für mich. Damit konnte ich mich voll identifizieren.
    JM: In Amerika gehörten wir damals ja auch nicht irgendeiner bestimmten Szene an. Als junger Mensch habe ich Kraftwerk gehört – mit 13 oder 14. Auf alle Fälle empfand ich keine grundsätzliche Abscheu gegenüber Synthesizern. Ich habe ja auch einen Moog und andere Geräte in meinem Studio.

Mascis2    AE: Und außerdem hast du Oi!-Punk gehört, richtig?
    JM: Oh ja, phantastischer Stoff.
    AE: Auf Oi!-Musik bin ich auch voll abgefahren. Mir gefällt dabei der Gedanke, dass vermutlich kaum einer gerne zugibt, dass er Oi!-Musik hört, also britischen Skinhead-Punkrock.
    JM: Aber ich sage dir was: In Amerika spielte es überhaupt keine Rolle, dass Oi!-Musik in England von Skins gehört wurde. Es gab und gibt in Amerika keine solchen Subkulturen. Zumindest nicht jenseits der großen Städte. Ich war vermutlich der einzige in Amherst, Massachusetts, der damals Oi!-Musik gehört hat. Und dann gab es vielleicht noch einen zweiten, der zumindest Punk gehört hat. Das war damals aber normal in den USA. Auf diese Weise reduzierten sich Platten wie die Oi!-Platten zu nichts anderem als Sound. Die gesellschaftliche Bedeutung war auf dem Weg von England nach Amerika verloren gegangen.
    AE: Ich liebte die rohe Energie der Oi!-Musik, die viel weiter zu gehen schien als die des normalen Punkrocks. Britische Punkmusik kam mir immer auch wie ein Fashion-Statement vor. Bands wie Cockney Rejects hingegen, oder Sham 69 wirkten im Kontrast dazu wie the real thing. Manchmal denke ich, dass diese englischen Unterklasse-Bands die Musik mehr und nachhaltiger beeinflusst haben als Intellektuelle wie Richard Hell. Was meinst du?
    JM: Mich auf alle Fälle.

Was verbindet dich sonst noch mit Alec?
    JM: Alec hat mit Atari immer schon Bands gesampelt und zitiert, die ich selbst auch gerne höre – etwa die Bad Brains oder Slayer. Ich mag das Tempo, mit dem gewisse Hardcore- und Metalbands zur Sache gehen. Das habe ich auch an Atari Teenage Riot und an einigen von Alecs Soloproduktionen sehr gemocht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Musiker in Bands in der Regel an guter Musik interessiert sind – in Unterscheidung zu Musik nur eines bestimmten Genres.

Wie habt ihr beiden euch kennengelernt?
    JM: Ich habe 2004 Luisa Virus geheiratet, Alecs Nachbarin aus Kindheitszeiten, ein Mädchen aus Berlin-Frohnau. Ihr Bruder, Philipp Virus, ist ein alter Freund von Alec – und der Regisseur vieler seiner Videos. So war es ganz natürlich, dass Alec und ich uns in der Folge irgendwann begegneten.
    AE: Philipp war mein bester Freund auf der Schule. Wir haben beide Breakdance getanzt. Manchmal denke ich: Ohne diesen Zufall der Geschichte wären J und ich uns wohl nie begegnet. Ich meine: Hätte nicht Afrika Bambaataa damals Kraftwerk und Rap zusammengescratcht… 
 
Philip Virus hat als Regisseur die neue Live-DVD von Dinosaur Jr. gedreht:  »Live From Middle East«. Der Titel klingt, als handelte es sich um einen Live-Mitschnitt aus dem Gaza-Streifen…
    JM: Tatsächlich handelt es sich aber um einen Club namens »Middle East« in Cambridge bei Boston. Wir fanden die Vorstellung reizvoll, den Mitschnitt eines Konzertes zu veröffentlichen, in welchem das Publikum gar nicht abgeht, geradezu gelangweilt unsere Show verfolgt. Andere Gelegenheiten hatten wir ja genug, aber wir wählten dieses Konzert. Denn es dokumentiert den Versuch der Band, das Publikum für sich zu gewinnen. Man sieht uns arbeiten. Das fand ich viel interessanter als die Show in New York, wo wir vor einem euphorisierten Publikum spielten, das jede Zeile mitsang. Irgendwie erinnerte mich diese Situation in Cambridge an unsere frühen Tage, als wir unser Publikum ebenfalls stets aufs Neue für uns gewinnen mussten. Wir haben jahrelang vor Zuschauern
gespielt, die uns gehasst haben.
    AE: Das haben wir also ebenfalls gemeinsam. Wir kennen beide dieses Gefühl totaler Ablehnung, das einem von großen Menschenmassen entgegenschlagen kann. Witzigerweise habe ich diese Energie immer aufgesogen und in etwas Positives umzuwandeln versucht. Ich kenne aber auch Musiker, die Probleme damit haben. Aber warum haben sie euch abgelehnt, J?
    JM: Wir waren wirklich laut. Wir haben, schon damals in Amherst nicht versucht uns anzubiedern. Wir haben lange Zeit keine Fans gehabt – einfach, weil wir so laut waren. 

Zu den lautesten Shows, die ich in meinem Leben gehört habe, gehörten neben The Swans und den Einstürzenden Neubauten auch Atari Teenage Riot und Dinosaur Jr. – das ist ebenfalls eine Gemeinsamkeit.
    JM: Lautstärke bereitet mir Freude. Es macht einfach mehr Spaß, Gitarre zu spielen, wenn sie richtig laut gedreht ist. Laute Shows sind einfach besser als leise Konzerte. Sie schütteln die Leute durch. Als The Jesus & Mary Chain damals das erste Mal nach Amerika gekommen sind, war ich wahnsinnig enttäuscht, dass sie so leise waren. Ich schwor mir: Wir müssen lauter sein. Immer.
    AE: Die physische Wirkung von Lautstärke hat mich immer schon beeindruckt. Auf meiner letzten Tour hatte ich den Toningenieur von Motörhead verpflichtet, und bereits nach einer Woche waren wir völlig zerstritten. Ausgerechnet er, der die angeblich lauteste Speedmetal-Band der Welt live gemischt hatte. Er entpuppte sich als ein Kontrolleur der Lautstärke. Er wollte den Sound nie zu physisch werden lassen. Aber genau darum geht es doch: Dynamik zulassen. Seltsame, unkontrollierte Sub-Bässe zulassen. Let it go! Er hat es nicht verstanden.

Empire2JM: Das wundert mich, denn eines der lautesten Konzerte, die ich in meinem Leben gesehen habe, waren eben Motörhead.
    AE: Ja, von mir aus. Aber war es einfach nur »laut«? Oder war es regelrecht körperlich? Ich höre da einen entscheidenden Unterschied. Körperlich wird Lautstärke erst durch Dyanamik. Dinosaur Jr. waren in meinen Ohren immer dynamisch und somit körperlich. In diesem Sinne waren Dinsoaur für mich auch die Blaupause für den Sound, mit dem Nirvana später berühmt geworden sind! LAUT – Leise – LAUT – Leise – LAUT. Diese Dynamik kam von Dinosaur Jr.
    JM: Wir wollten immer die Dynamik extremer Lautstärkesprünge – nie ging es darum, eine Lautstärke zu halten. Ich war ja mal Drummer. Als Schlagzeuger kannst du leicht von leise auf laut umschalten. Mit der Gitarre verhält es sich wesentlich schwieriger. Wir mussten also an unserem Sound feilen. Vielleicht waren wir die ersten, die diesen Sound perfektionierten? Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht.
    AE: Ich spiele ja auch Gitarre. Auf meinen Soloalben »Intelligence & Sacrifice« und »Futurist« gab es keine Samples mehr, und ich stehe längst mit Gitarre auf der Bühne. Wie alle habe ich Jimi Hendrix gemocht und habe mit dem Wah-Wah-Pedal experimentiert. Der Gitarrensound von Dinosaur Jr. hingegen war völlig neu. Wenn ich digitale Noise-Filter benutze, dann tue ich das oft in dem Bewusstsein, dass es ähnliche analoge Geräte schon für Gitarren gegeben hat, die vom Prinzip her ähnlich funktionierten. Weißt du? Klänge, wie wenn ein Flugzeug abstürzt, und man sitzt mittendrin. Auf alle Fälle hat mich vom Sound her Techno nie beeinflusst. Es waren immer Gitarren. 
 
Du hast mit dem Tokyoter Noise-Gott Merzbow zusammengearbeitet – der ist kein Gitarrist, sondern ein radikaler Elektroniker.
    AE: Der erzählte mir ebenfalls, dass seine Wurzeln im Psychedelic Rock liegen. Je extremer man die Gitarren verzerrt, desto mehr betritt man die Welt der Feedbacks, in der irgendwann das Ursprungssignal gar nicht mehr als Gitarrensound wiederzuerkennen ist. Insofern sehe ich ja tatsächlich gar keinen so großen Unterschied zwischen Bands wie Sonic Youth, Merzbow, Dinosaur Jr. – oder eben mir. Hier gibt es einen roten Faden, der uns alle verbindet.
    JM: Als Gitarrist suche ich unentwegt nach neuen Sounds. Nicht auszuschließen, dass ich ende wie Merzbow.
    AE: Oder ich wie J.
    JM: Verzerrte Gitarrensounds lassen sich heute gar nicht mehr von verzerrten Keyboardsounds unterscheiden. 

Hast du Alecs eingeschlagenen Weg über die Jahre leicht folgen können?
    JM: Ich liebe Alec Empires »Low On Ice«-Album.
    AE: Thurston Moore hat über »Low On Ice« mal gesagt, dass die Musik für ihn wie Krautrock klingen würde. Das hat mich gewundert, denn ich habe die Platte immer als eine Elektronikplatte gesehen.
    JM: Wir haben in Amerika eine sehr schlecht informierte Presse. Die haben einfach keine Ahnung, wie die Musiker in Europa ticken.
    AE: Dabei ist es immer die Kraft der Imagination, die die Musik vorantreibt.
    JM: Dieser Gedanke ist schon so europäisch, den versteht in Amerika kein Schwein… Außer Thurston Moore natürlich.
    AE: Umgekehrt kann es gefährlich sein, sich nur anzuhören, was man schon kennt.
    JM: Es heißt ja nicht umsonst: »Don’t meet your heroes«. Aber ich bin auch schon oft enttäuscht worden, wenn ich bloß Bands live gesehen habe, deren Platten ich zuvor gerne gehört habe. Sleater Kinney zum Beispiel. Deren Platten habe ich anschließend weggeworfen. Das lag am Konzert…

Mascis3…an der Körpersprache?
    JM: Damit hängt das ganz klar zusammen. Anders ausgedrückt geht es doch immer um die Übertragung von Energie. Wenn das nicht stattfindet, also die Übertragung von Energie von der Band zum Publikum, dann läuft etwas grundlegend schief. Ich habe Bands gesehen, die spielten im Sitzen, aber sie haben ihr Publikum an die Wand gedrückt mit ihrer Energie. Andere Bands hüpfen und rennen auf der Bühne herum, und nichts wird übertragen. Niente. Für mich ist das der springende Punkt, um beurteilen zu können, ob eine Band eine gute Liveband ist. 

Wer hat dich in diesem Sinne beeindruckt?
    JM: Ich habe mal Black Flag live gesehen. Henry Rollins brach sich während des Konzertes ein paar Rippen und verließ die Bühne, die Band aber spielte unbeirrt weiter. Der alte Sänger Dez Cadena, der bis dahin nur Gitarre gespielt hatte, übernahm von dem Moment an den Gesang – und er zog den Energielevel noch einmal nach oben. Das war schier unglaublich. Sehr beeindruckend. Das war der Moment, wo mir aufging, dass es in der Musik immer nur um Energie gehen
kann.
    AE: Kennst du den japanischen Noise-Gitarristen Keiji Heino?
    JM: Nein.
    AE: Das war das Konzert, das mich von allen am meisten beeindruckt hat. Ich habe ihn gesehen, als ich das erste Mal in Tokyo aufschlug. Heino ist ein ganz dünner Mann mit arschlangen Haaren. Er war sehr blass, und auf dem Konzert trug er eine Sonnenbrille. Er stand alleine auf der Bühne und spielte Gitarre – aber er entlockte seinem Instrument die unglaublichsten Töne. Ich konnte es nicht fassen. Der Typ hat sich gar nicht bewegt, aber die Energieübertragung war schier unglaublich. Ehrlich gesagt: Ich bin kein Freund des Posens, obwohl man mit der Gitarre natürlich extrem gut angeben kann. Ich war immer schon ein Freund der inneren Spannung, die sich etwa über das Gitarrespiel übertragen kann. Auch Slayer sind immer eine Band gewesen, die tendenziell eher eine statische Performance bevorzugt haben. Van Halen hat mich nie beeindruckt. Und noch weniger beeindruckt mich New Metal, also Bands wie Limp Bizkit. Man kann Energie nicht per Knopfdruck übertragen.
 
Aber Ataris Musik war doch Maschinenmusik. 
    AE: Da haben wir uns geradezu bewegen müssen, sonst hätte es nicht funktioniert… Laptop-Musiker bewegen sich selten, und noch seltener kann man deren Geschabe und Gekratze mit Energieübertragung gleichsetzen…
    JM: Es gibt ja auch Gitarristen, die auf Notenblätter starren. Da kommt auch selten Intensität auf.
    AE: Das meine ich ja. Man muss als Musiker Kontakt herstellen, Kontakt suchen. Als Gitarrist reicht es oft, wenn man regungslos auf der Bühne konzentriert sein Instrument spielt. Als Laptop-Musiker reicht das nicht. Elektronische Musiker sollten auf der Bühne nicht aussehen, als würden sie gerade ihr MySpace-Profil checken.

»Beyond« von Dinosaur Jr. ist Ende April erschienen (Pias / RTD). Spex präsentiert die drei Dinosaur Jr.-Termine Ende Juni / Anfang Juli.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here