Doppelreview: Alex Cameron „Forced Witness“ vs. Dinner „New Work“

Zwei Dandys sind mit ihrem Latein am Ende. Was nun? Dinner reagiert auf New Work mit Melancholie zwischen Schockstarre und klischer Antriebslosigkeit. Alex Cameron lässt es hingegen auf Forced Witness ein letztes Mal richtig krachen.

„Internet“ reimt sich auf „regret“, das kann doch kein Zufall sein. Denkt zumindest Alex Cameron, ein je nach Pressefoto 25- bis 55-jähriger Australier, der mit seinem zweiten Album die ganz harten Themen anpackt. Auf Forced Witness geht es um üble Online-Nachrede und zu viel Handy in seiner Hose, um eine Traumfrau aus dem Chatroom, die sich als „beautiful Nigerian guy“ herausstellt, und einmal auch darum, wie Cameron dem Neuen einer Ex nachstellt, ihn als „faggot“ und „pussy“ beschimpft und dann mit seiner Selbstkontrolle hadert, weil er schon wieder hacke war und nicht nur sprachlichen Mist gebaut hat. Die Musik dazu ist 1A-Roland-Kaiser-Scheiß, Radio Berlin 88.8 für eine bessere Welt, Bläser, Bongos, Keyboardsolo. Alles aus Plastik, echt ist nur der Schmerz.

Schicke Frisur und Rolli reichen nicht mehr.

Anders Anders Rhedin. Der dänische Songwriter und Multiinstrumentalist ist in Los Angeles untergekommen und schlägt sich mit Yoga, Meditation und Yogameditationssex durchs Leben. Sein zweites Album unter dem Künstlernamen Dinner heißt New Work und versucht sich an einer Synth-Pop-Interpretation, die Pomp und Plastikanteil zu Gunsten von 4-Track-Recorder und einer ständig dazwischenfunkenden Leadgitarre zurückfährt. Das funktioniert sehr schön in „Un-American Woman“, einer Stehaufhymne über die Macht des Vergessens, der auch Rhedins übertrieben affektierter Langweilergesang nichts anhaben kann. Den Rest der Platte müsste man einmal sehr kalt abduschen, dann ginge da vielleicht noch was.

Rhedin und Cameron eint das ratlose Dandytum, das sie verkörpern. Schicke Frisur und Rolli reichen nicht mehr, das ahnen beide. Von den kurzlebigen Bettgeschichten, mit denen sie einst kokettierten, bleibt auf ihren neuen Alben vor allem der schlechte Nachgeschmack. Rhedin verfällt darüber in eine Melancholie, die auch seine Songs runterzieht: New Work pendelt sich zwischen Antriebslosigkeit und Schockstarre ein, manchmal ganz charmant, meistens zum Nachteil der Platte. Cameron hingegen lässt es spektakulär krachen. Wenn die Party schon enden muss, dann wenigstens richtig, denkt er sich, schöpft noch einmal aus dem vollen Arsenal seiner schlechten Angewohnheiten und wird schließlich im legendären Madchester-Club Hacienda von seiner Diabetes eingeholt. Ein Modell für die Zukunft ist auch das nicht. Für den Rest des Sommers sollte es reichen.

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