Joe Goddard „Electric Lines“ / Review

Die Tracks auf Goddards „Electric Lines“ oszillieren zwischen den wichtigsten Kapiteln der Londoner Elektrokultur: UK-Garage und House. Kombiniert mit Trademark-Pop von Hot Chip.

Eine der wenigen Konstanten bei Hot Chip ist der Synthesizer. Während Bandstimme Alexis Taylor diesen auf seinem letzten Soloalbum ausgestöpselt und gegen ein Piano ausgetauscht hat, kapriziert sich Joe Goddard auf Electric Lines auf seine handfeste Analoggerätesammlung. Goddard gilt als Fan sogenannter Eurorack-Modelle, deren Format es ermöglicht, das Basisklangspektrum um unzählige Soundmodule zu erweitern. Das kommt Electric Lines, dessen Titel auf bunte Kabelsalate anspielt, zugute.

Die Tracks oszillieren zwischen den wichtigsten Kapiteln der Londoner Elektrokultur: UK-Garage und House. Letzteren kombiniert Goddard allerdings mit dem Trademark-Pop von Hot Chip. Kein Wunder also, dass dieser farbenfrohe Bass-Hybrid an die Stadtnachbarn Jamie xx und Four Tet erinnert: „Lose Your Love“ und „Home“ bedienen sich bei altem Soul und Funk, „Lasers“ und „Children Of The Sun“ hingegen in der Techno-Tiefkühltruhe. In Nummern wie „Truth Is Light“ oder dem enthusiastischem „Music Is The Answer“ hingegen greift Goddard zu an Songstrukturen orientierten Arrangements – und lässt sein Faible für EDM durchscheinen, das er zuletzt in einem Remix für Years & Years demonstrierte.

Songs über Kabelliebschaften und die Schnelllebigkeit von Plug-Ins und Hardware-Updates

Selbst Sentenzen wie „You take me higher still / I know you always will“ oder „Music is the answer to your Problems / Keep on moving“, auf Electric Lines von Jess Mills geschmettert, wirken dank elegantem Beatdesign kaum ausgeleiert. Tiefsinniger wird es aber erst, wenn Goddard selbst zum Mikro greift und sich darin sensibler zeigt, als in seinem DJ-Band-Projekt The 2 Bears. Im Titeltrack räsoniert allerdings ein vom technischen Fortschritt verschüchterter Alexis Taylor über vergangene Kabelliebschaften und die Schnelllebigkeit von Plug-Ins und Hardware-Updates. Die nächste Konstante im Werk von Hot Chip: Das Eigenleben der Maschine und die Frage nach menschlich-kreativem Anteil. Auf Why Make Sense? hieß es noch „Replace us with the things / That do the job better“. Nun huldigt Taylor zu Goddards Synthies dem work in progress, dessen Protagonisten sich vom eigenen Instrumentarium überraschen lassen und auf Vollkommenheit verzichten. Im Fall von Electric Lines klingt das nahezu unmenschlich perfekt.

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