Streetscapes [Dialogue] – Filmfeature zum Vierfach-Kinostart

Aus dem Streetscapes-Zyklus: Dachkonstruktion von Eladio Dieste in Uruguay
Aus dem Streetscapes-Zyklus: Dachkonstruktion von Eladio Dieste in Uruguay

Heinz Emigholz bringt mit dem Streetscapes-Zyklus gleich vier Filme auf einmal auf die Leinwand. Über 400 Minuten Autobiografie, Architektur und Analyse.

Als Kind brach sich Heinz Emigholz einen Arm und musste ins Krankenhaus. Dort lag er mit einem anderen Patienten auf dem Zimmer. Dem Bettnachbarn wurde ein Zeh amputiert. Am nächsten Tag wurde ihm der Fuß abgenommen, dann das ganze Bein. Ein paar Tage später war das Bett leer. Über Jahrzehnte hat Emigholz autobiografische Fragmente wie dieses in Tagebüchern festgehalten. Sie sind Teil einer überbordenden Produktion: Emigholz ist Zeichner, Fotograf, Filmemacher, Autor, Schauspieler.

Vor einigen Jahren geriet Emigholz in eine Krise, er konnte nicht mehr schreiben. Auch die großen Architekten der Moderne, über die er zahllose Dokumentarfilme gedreht hatte, inspirierten ihn nicht mehr. Da fiel ihm der israelische Traumaforscher und Therapeut Zohar Rubinstein ein, den er als Fan seiner Filme kennengelernt hatte. Rubinstein unterzog Emigholz einer Blitzanalyse, die er in Streetscapes [Dialogue] nachinszenierte.

Dialogue: Jonathan Perel in der Rolle des Zohar Rubinstein (l.) und John Erdman als Heinz Emigholz in Streetscapes
Dialogue: Jonathan Perel in der Rolle des Zohar Rubinstein (l.) und John Erdman als Heinz Emigholz in Streetscapes

Noch außergewöhnlicher als das Was ist das Wie: Die Therapiegespräche finden im Film in den Gebäuden des uruguayischen Architekten Eladio Dieste statt. In Diestes tollen Hallenkonstruktionen greifen geschwungene Deckenelemente wie Wellen der Meeresbrandung oder der Panzer eines Schuppentieres ineinander. Die beiden Männer stehen schon mal auf dem Dach eines Einkaufszentrums und sprechen über Kreativität, Kameraeinstellungen, Deutschland.

Dass Emigholz wieder zur ihm eigenen Produktivität zurückgefunden hat, zeigen die weiteren drei Teile des fast siebenstündigen Filmzyklus: Einmal (2+2=22 [The Alphabet]) beobachtet er die Band Kreidler bei den Proben zu ihrem Album ABC wie einst Jean-Luc Godard die Rolling Stones in One Plus One. Ein anderes Mal (Bickels [Socialism]) verfolgt er die utopische Architektur des Kibbuz-Bauers Samuel Bickels. Und im vierten Teil (Dieste [Uruguay]) lassen sich die Gebäude Eladio Diestes ohne die ins Gespräch vertieften Herren bewundern.

Streetscapes [Dialogue]
Deutschland 2013-2017
Regie: Heinz Emigholz
Mit John Erdman, Jonathan Perel, Natja Brunckhorst

2+2=22 [The Alphabet]
Deutschland 2015-2017
Regie: Heinz Emigholz
Mit Thomas Klein, Alexander Paulick, Andreas Reihse, Detlef Weinrich

Bickels [Socialism]
Deutschland 2015-2017
Regie: Heinz Emigholz

Dieste [Uruguay]
Deutschland 2015-2017
Regie: Heinz Emigholz

Dieser Text erscheint neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 377. Das Heft ist ab 26. Oktober im Handel und kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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