Attila Bartis „Das Ende“ / Review

Attila Bartis inszeniert in seinem dritten Roman furchtlos und obszön, stellt aber auch sehr gegenwärtig und einfühlsam die Frage nach Verdrängen und Vergessen.

„Um nicht zu sein, muss der Mensch irgendwie sein“, schreibt Attila Bartis nach gut 200 Seiten in seinem neuen Roman Das Ende. Und wenn der Mensch ist, wickelt er sich in dieser aufwühlenden Erzählung im Schlaf um jemand anderen. Oder er fährt im Morgengrauen zur Budapester Elisabethbrücke, um Waschmittel in die Donau zu schütten. Ein tiefer Schmerz bestimmt auch Bartis’ dritten Roman in deutscher Übersetzung und setzt somit fort, was 2005 mit Die Ruhe begann. Ein Schmerz, von dem man nie genau weiß, woher er kommt oder wohin er führt – der einen aber umso stärker mitreißt.

In Das Ende trennt sich die Pianistin Éva Zárai von dem Fotografen András Szabad, flieht aus Budapest mit Szabads Foto-Negativen nach Amerika und organisiert in New York eine Ausstellung. 30 Jahre und den Unfalltod Évas später beginnt András seine Erinnerungen aufzuschreiben. Revolutionäre Umbrüche, private Katastrophen, erste Freundschaften und Affären, Bücher, Träume, seine erste Kamera und frühe Fotos stehen scheinbar ungeordnet nebeneinander und sind von einer mal diffusen und mal sehr klaren Macht beherrscht. Es sind sexuelle Begierden und persönliche wie politische Verstrickungen, die das Zentrum bilden von Bartis’ Blick auf die Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre Ungarns. Aus Erinnerung, Benutzung und Zerstörung zeichnet Bartis die Gegenstände dieser Zeit in einem nuancierten Portrait aus unzählbaren Grautönen. Sein Protagonist András bleibt dabei meist der kühl Unterlegene. Erst als er das Fotografieren entdeckt, findet er ein Mittel, Macht über seine Umwelt auszuüben. Weil nun in seinen Händen liegt, was von ihr bleibt.

Erst später sieht er ein, dass er nichts festhalten kann, nur die Gegenwart still stellt. Und dies macht den Unterschied.

Einmal steht eine Durchsuchung des elterlichen Hauses an. András’ Vater kündigt dies ohne weitere Erklärung an, bittet ihn lediglich, zu verbrennen, was er eben zu verbrennen habe. András versteht sofort. Er holt seine Bilder, baut einen Scheiterhaufen im Garten und verbrennt sie, ohne sie noch einmal zu betrachten: „Ich empfand nichts. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich keine Scham, keine Freude, keine Angst, keinen Schmerz in mir. Dieses Gefühl des Nichts war so stark, dass ich mir plötzlich sicher war, eigentlich bin ich das.“ Danach geht er in sein Zimmer und dieses Nichts mit ihm. Es wird ihn nicht mehr allein lassen. Nicht als seine Eltern sterben, nicht als er als Fotograf berühmt wird und auch und vor allem nicht, als er sich in Éva verliebt.

Darin steckt weniger Existenzialismus à la Sartre oder Camus als vielmehr eine ganz andere Strategie der Bewältigung von Erinnerung. András versucht festzuhalten, was immer wieder an den Rand des Verdrängens und Vergessens gerät. Er macht ein Foto oder notiert ein Detail um es schonungslos zu betrachten. Sein Vater erklärt ihm, die Hauptsache sei, sich zu erinnern. Wegen des Wie ginge man sich höchstens an die Gurgel. „Aber das, woran wir uns auf keine Weise erinnern, das gibt es auch nicht.“ Er fotografiert den todkranken Vater und in der ersten gemeinsamen Nacht die schlafende Éva neben der Uhr an seinem Arm. Um nicht zu vergessen, wann etwas passiert ist. Und als Beweis, dass es passiert ist. Erst später sieht er ein, dass er nichts festhalten kann, nur die Gegenwart still stellt. Und dies macht den Unterschied. Das Bild bleibt, doch Éva verschwindet.

Das Ende ist die bedrückend einnehmende Ansicht seiner verletzlichen und einsamen Figuren. Sie sind furchtlos und obszön inszeniert, doch auch sehr gegenwärtig und so einfühlsam, dass man gern bei ihnen liegt. Denn dort, zwischen ihnen und ihren verzerrten Schatten, wenn sie sich um einen wickeln, zeigt Bartis die Fotos seiner letzten Ausstellung. In einem weißen Licht beginnen sie langsam, schwarz zu werden.

Das Ende erschien am 09. Oktober bei Suhrkamp.

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