Ibeyi „Ash“ / Review

Ash besteht aus Soundfetzen, die nicht zu Ende gedacht oder gemacht scheinen. Was bleibt, sind Collagen: so überladen, dass alles ineinander verschwimmt.

Ethno-Party im Kifferclub oder doch lieber aufwühlende Bässe in der Panorama-Bar des Berghains? Ibeyi tun sich mit dieser Frage neuerdings schwer. Eigentlich wollten die französisch-kubanischen Schwestern mit ihrem zweiten Album Ash erklären, was auf ihrem ersten noch keiner verstand, aber alle toll fanden – ihre eigene Form des Yoruba-Ethno-R’n’B-Electro-Jazz-Pop. Die Kette der verflochtenen Musikgenres ist lang bei Ibeyi. Eine Anleitung zur Entwirrung liefert Ash nun aber doch nicht. Ibeyi tauschen die Geister ihrer Vergangenheit gegen eine Beschäftigung mit den Monstern der Gegenwart ein. Die jungen Zwillinge mit zerrissenem Innenleben sind jetzt junge Zwillinge mit politischen Ambitionen. Ash setzt zudem vermehrt auf elektronische Klänge. So weit, so interessant.

Jetzt aber der Haken: Ibeyi wollen all das und obendrein Mainstream sein. Auto-Tune heult aus den Boxen. Einmal durchs Trommelfell gejagt, kriegt man ihn nicht mehr aus dem Ohr, selbst bei Ibeyi nicht. Wie originell sie die Begradigungssoftware nutzen, lässt sich bereits am ebenso originellen Titel von Ash ablesen. Ja, die Welt steht in Flammen, Träume verbrennen, die Politik zündelt weiter. Aber deshalb schon wieder eine Band, die sich als Phönix aus der Asche inszeniert? Been there, done that, denkt sich der Pop.

Been there, done that, denkt sich der Pop.

Ash besteht aus Soundfetzen, die nicht zu Ende gedacht oder gemacht scheinen. Was bleibt, sind Collagen: so überladen, dass alles ineinander verschwimmt. Ein paar Juwelen enthält die Platte trotzdem, nicht zuletzt wegen der Gastmusiker. In „Deathless“ zeichnet Lisa-Kaindé Díaz zu düsteren Synths und dumpfen Beats ihre Erfahrungen mit dem racial profiling als 16-Jährige in Paris nach. Die Absurdität rassistischer Personenkontrollen kommentiert Kamasi Washington mit einem düsteren Saxofonsolo, bis ein Protestchor attestiert: Aus dem Trauma geht eine selbstbewusste junge Frau hervor.

Der Rest verliert sich im Äther, etwa wenn Ibeyi eine Rede samplen, mit der Michelle Obama auf den Pussy-grabbing-Skandal von Donald Trump reagierte. Das Call-and-response-Spiel, das sich zwischen Band und Rede entwickelt, bleibt so banal, dass die feministische Botschaft verpufft. Dabei gäbe es so viel zu sagen – über Yoruba-Ethno-R’n’B-Electro-Jazz-Pop und tausend andere Dinge, die noch viel wichtiger sind.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here