Abra – Die Herzogin und ihre Brüder

»Viele dieser Songs sind ernst und heavy, aber du kannst dazu tanzen«, beschrieb uns Abra vor einer Weile ihren eigenen Sound. Am Freitag erscheint ihr Album Rose als haptischer Tonträger und bestätigt das Verdikt: Achtzigerjahre-R’n’B, der die Depression tanzbar macht. Wir porträtierten die Sängerin bereits in SPEX N°368.

Abra glüht in Pastell-Pink vor und in Tiefschwarz nach. Im Video zum Song »Roses« räkelt sie sich erst kaugummiblasenschlagend zwischen Plüschtieren und später auf der ausgebluteten Leiche des Lovers. »I’m dumb and I’ll chase / I’m young and I’ll waste you away«, singt sie und inszeniert sich als Lolitafigur, die mit der Zunge über die Klinge eines Messers fährt. Um den Verlust von Unschuld ginge es auf ihrem zweiten Album Rose, erzählt die selbsternannte Dark Wave Duchess. Und dass es sich dabei trotzdem Spaß haben ließe. »Viele dieser Songs sind ernst und heavy, aber du kannst dazu tanzen!«

Abras Metaphorik ist nicht unbedingt subtil, doch hinter der bildgewaltigen Dialektik von Eros und Thanatos steckt eine, die sich selbst als outcast bezeichnet. Ihre Geschichte ist ein einziger schwieriger Aneignungsprozess. Abras Eltern ziehen auf christlicher Mission durch die Welt, laufen und sprechen lernt sie in England. Dort hört sie christlichen Pop-Rock und Oldies (Mutter) oder Smooth Jazz (Vater), MTV und BET sind verboten. »Ich wurde von der Popkultur ausgeschlossen«, fasst Abra zusammen. Zurück in Atlanta wird sie von den Kids ausgelacht, weil sie Wörter wie »cardigan« benutzt, Outkast nicht kennt und uncoole Klamotten trägt. Mittlerweile redet sie im breiten Atlanta-Slang, tourt durch die Welt und trägt dabei manchmal zwar sehr wenige, dafür aber sehr coole Klamotten.

Im Teenageralter stößt Abra erstmals auf Ludacris und alles ändert sich. Unter der Bettdecke hört sie heimlich Rap und poppigen House, die Musik wird zum sozialen Schmiermittel: »Ich konnte mich plötzlich mit all diesen Leuten in der Mitte treffen.« Ihre Versionen von Ludacris- oder Gucci-Mane-Songs sind so nahbar und reduziert wie die elektronische Musik, die sie mittlerweile produziert. Es fängt mit einer Bassline an, um die sich ein sparsamer Beat platziert, dann vervielfältigt sich die vielschichtige Sängerin in den Gesangsspuren. Das Handwerk (Mutter) trifft auf den Geschmack (Vater) und das, was sie in den Staaten wiederfand. Die vormals fremde Kultur ist zur eigenen geworden, und Abra hat darin eine neue Familie gefunden: Awful, das Label um den Weirdo-Rapper Father. »Das klingt cheesy, aber ich meine eine richtige Familie. Bei uns wird auch gekämpft, manchmal mit den Fäusten«, sagt Abra. »Aber wie das so ist: Du kannst dich mit deinem Bruder prügeln, er bleibt trotzdem dein Bruder.« Wie im Video zu »Roses« liegen Liebe und Gewalt bei Awful nah beieinander. »Light-hearted darkness« nennt Abra das – eine Mischung aus Pink und Schwarz vielleicht.

Dieser Text ist wie viele weitere Newcomer-Features in der Printausgabe SPEX N° 365 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.

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