Das Wüten nimmt kein Ende – Protomartyr im Feature

Foto: Zak Bratto

Heute erscheint Relatives In Descent, das vierte Album der Detroiter Band Protomartyr. Lösungen gibt es darauf keine, dafür aber wieder eine Handvoll Songs aus Amerikas Krisenherd: stumpf runtergeschrubbt, krachig, großartig.

Wenn es abwärts geht mit der Welt, geht es vorwärts für Protomartyr. Die Rockband aus der Krisenstadt Detroit behauptet noch nicht mal, sie wisse, wie der Laden besser läuft. Aber sie trotzt der allgemeinen Misere immer wieder eine Handvoll verbissener Songs ab. Wie auf ihrem neuen Album Relatives In Descent: stumpf runtergeschrubbt, krachig, großartig.

Joe Casey trägt Anzug, steht am Bühnenrand und lässt eine seiner Tiraden los. Dazu scheppert der stoische Postpunk seiner Band Protomartyr, die Gitarre einen Tick zu hart, um als cooles Joy-Division-Revival durchzugehen, Casey selbst einen Tick zu gewöhnlich, um als cooler Ian-Curtis-Verschnitt zu gelten. Seine Bühnenpräsenz sei keine Inszenierung, beteuert Casey in Interviews. Er trage einfach sein Arbeitsoutfit. Sein früheres Arbeitsoutfit zumindest, denn bevor er Sänger der Detroiter Band wurde, habe er als doorboy gearbeitet. Casey trägt also Working-class-Look auf der Bühne, nur sind das in seinem Fall keine Doc Martens, sondern ein Sakko. Das ist auch ein bisschen kokett: Das latent Arrogante des Anzugs unterstützt das Predigende und Fordernde von Caseys Stimme. Was noch dadurch betont wird, dass der Rest der Band rund zehn Jahre jünger ist als er und im herkömmlichen Slacker-Style diese sich in ewigen Pattern wiederholende Musik runterschrubbt, in der manchmal zart glitzernde Gitarrenmelodien aufblitzen.

Im Gespräch wirkt Casey überhaupt nicht kokett. Auch wenn er irgendetwas darüber nuschelt, dass er endlich ein weniger wütendes Album machen wollte, sich aber die Welt so verändert habe, dass es doch wieder sehr wütend geworden sei. „Ich verhandele dieselben Themen seit drei Alben“, sagt er, ohne zu klagen oder sich besonders prophetisch zu geben. Hier singt einer subjektiv und empathisch von gesellschaftlicher Ungleichheit, ohne in das Ausschließende plumper Polemiker-Wut zu verfallen, die auch in seinem Land zelebriert wird. „Wenn ich schreibe, will ich nicht zu explizit werden und vor allem nicht behaupten, ich wüsste, wie es besser geht“, sagt Casey. Er schreibe hauptsächlich seine Sicht der Dinge auf. Dabei versuche er, nicht zu beleidigend zu werden und ab und zu auch an die guten Dinge zu denken – was manchmal schwierig sei.

„Meine Stimme klingt wie ein Nebelhorn. Dazu passt lärmende Musik.“

Relatives In Descent, das vierte Protomartyr-Album, wurde in Kalifornien eingespielt. Die Band habe ein bisschen Angst vor der Sonne gehabt, erzählt Casey, nicht dass die Musik am Ende zu happy werde. Doch während der Aufnahmen tobte in den USA der Wahlkampf, und viel mitbekommen hätten sie von der Sonne sowieso nicht, denn der Produzent des Albums, Sonny DiPerri, der schon mit Animal Collective und Dirty Projectors gearbeitet hat, sei ein Arbeitstier. Das Wüten nahm also kein Ende: Relatives In Descent ist noch einen Tick dystopischer, stoischer und repetitiver als seine Vorgänger.

Es gibt sie gerade öfter: gealterte, ein bisschen an der digitalisierten Gesellschaft gescheiterte working class heroes. Die Arbeiterklasse birgt heute keine Helden mehr, sie quält sich mit Jobs, die gar nicht als wirkliche Arbeit angesehen werden. Auch Casey sagt, er habe keinen richtigen Beruf gehabt, sondern gekellnert und eben als Portier gearbeitet, also in Jobs, die in der postkapitalistischen Gesellschaft höchstens als Nebentätigkeiten anerkannt sind. Immerhin kann man dann im Hauptberuf Rocksänger werden, so die Konsequenz für Casey. Greg Ahee, den Gitarristen und Songwriter der Band, lernte er auch bei einem solchen „shitty job“ kennen, wie Casey es ausdrückt. Ahee hatte als Einziger vor Protomartyr schon Banderfahrung. Bei Casey hingegen entsprachen nur die Lebensumstände dem prekären Musikerdasein, die Musik fehlte. „Ich hatte den Job, den Musiker machen, um Geld für ihre Musik zu verdienen. Ich tat aber neben diesem Job nichts“, erklärt er.


Die Bandproben wurden zur Freizeitgestaltung: Anstatt nur abzuhängen, Bier zu trinken und fernzusehen, hing man jetzt ab, trank Bier und machte Musik. Es folgten erste Auftritte in Detroit, noch ohne große Ambitionen und mit einer gewissen Leichtigkeit. „Wir haben am Montag begonnen, an einem Song zu arbeiten, und ihn dann am Freitag das erste Mal live gespielt“, erzählt Casey. Fünf Jahre nach den ersten Veröffentlichungen sind Protomartyr nun beim Label Domino gelandet. Das bringt gut organisierte Touren, internationale Pressearbeit und mehr Professionalität mit sich. Die shitty jobs müssen Protomartyr nicht mehr machen, die Mitglieder können mittlerweile von der Musik leben, erklärt Casey – wenn auch nur, weil sie in Detroit wohnen, der Symbolstadt für Wirtschafts- und sonstige Krisen. So was wie New York könne man sich nicht leisten.

Caseys Tiraden kommen mit feinem Schmunzeln rüber, sein „Rockstar“-Dasein ist von Selbstreflexivität gekennzeichnet. Dennoch sind Musik und Haltung von Protomartyr ein ganzes Stück ernster als etwa die rasenden rants der Sleaford Mods, obwohl sich Joe Casey und Jason Williamson in Diktion und Mitteilungsbedürfnis nicht unähnlich sind. Doch während Williamson wild durch seine Wortkaskaden hetzt, setzt Casey auf Wiederholung und damit auf Nachdruck, während sich die Musik trotz dieser Vehemenz ab und zu ins Glänzende drehen darf. „Meine Stimme klingt wie ein Nebelhorn“, sagt Casey, „dazu passt lärmende Musik besser.“ Doch ein ganzes Album voller Härte finde er zu langweilig. Die Mischung dieser widersprüchlichen Bedürfnisse passt in eine Welt, in der Wut und Raserei in allen politischen Lagern Aufwind erfahren. Und in der man beim shitty job einen Anzug als Arbeitskleidung trägt.

Dieses Feature erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 376, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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