Ace Tee „Tee Time“ / Review – Modekollektion

In der Welt der Hamburger Rapperin Ace Tee ist alles bunt, easy und leicht konsumierbar. So wie ihre erste Modekollektion.

Perfekter Pop für das Anthropozän: Die Hamburger Rapperin Ace Tee sieht das Leben positiv. In ihrer Welt ist alles bunt, easy und leicht konsumierbar. So wie ihre erste eigene Modekollektion, die es jetzt bei H&M zu kaufen gibt. Die Deutschen lieben es, wenn ihre harmloseren Kulturerzeugnisse die Welt erobern und die Bürde des Teutonentums auf einmal federleicht erscheint. So war die Freude groß, als Anfang des Jahres ein blutjunges, wunderschönes, nicht-weißes Mädchen aus Hamburg-Jenfeld mit einem Gutfühlvideo voller blutjunger, wunderschöner, nicht-weißer Menschen einen weltweiten Hit landete.

Ihr Song „Bist du down?“ sorgte vor allem in den USA, dem Mutterland des seichten R’n’B, für Begeisterungsstürme. Ace Tee wird dort als Nachfolgerin von TLC gehandelt: CrazySexyCool in Personalunion. Ironischerweise floppte ungefähr zeitgleich das Comeback der echten, nach dem Unfalltod von Lisa „Left Eye“ Lopes zum Duo geschrumpften TLC. Was beweist, dass gut geklaut allemal besser ist als schlecht aufgewärmt. Mehr noch als Ace Tees entspannter Kopfnicksound haute allerdings ihr Look rein. Die US-Vogue kriegte sich angesichts quietschbunter Crop-Tops, Mom-Jeans und auf die Nasenspitze gerutschter John-Lennon-Brillen kaum ein und verklärte den Gentrifizierungszirkus der Hamburger Sternschanze, wo das Video zu „Bist du down?“ gedreht wurde, zum Ort unverstellter Urbanität.

Einzelne Teile kosten nicht mehr als ein Happy Meal.

Die Neunziger, das Geburtsjahrzent von Ace Tee, bilden den ästhetischen Referenzrahmen ihrer Kooperation mit H&M. Kastige Schnitte, Oversize, Knallfarben. Die Einschätzung der Jungdesignerin, es sei für jeden etwas dabei, muss dabei bezweifelt werden. Tatsächlich kleiden hautenge bauchfreie Tops mit orangefarbenem Camouflage-Print die Wenigsten vorteilhaft. Aber sei’s drum: Einzelne Teile kosten schließlich nicht mehr als ein Happy Meal.

Als unpolitische Feierdekade stehen die Neunziger auch für eine Welt, die zwar zerbeult, aber im Großen und Ganzen in Ordnung war. Der Kalte Krieg war vorbei, das World Trade Center stand noch. Wenn Ace Tee singt, sie wünsche sich einen „Cup positiver Vibes und kein Kopfweh mehr“, darf das durchaus als Durchhalte-Pop verstanden werden. Ihr Zweckoptimismus folgt der universellen Logik, dass sich alles schon irgendwie von selbst wieder einrenken werde. Auf Regen folgt Sonnenschein, und 100 Millionen Jahre nach der Apokalypse werden neue Mikroben aus dem verstrahlten Urschlick krabbeln. Wenn das mal nicht voll retro ist.

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