„Um zu überleben, muss ich meine Schwächen kennen“ – Nick Cave im Interview

Foto: Nic Shonfeld

Happy Brithday, Nick Cave! Der australische Grandseigneur der Düsternis wird heute 60. Wir gratulieren mit unserem großen Interview – jetzt auch online.

Der Bart ist ab und gleich sieht Nick Cave zehn Jahre jünger aus. Federnd wie ein Gummimensch betritt er das altmodische Pub mit knarrenden Dielen, in dem wir uns zum Interview verabredet hatten. Für den Sänger ein kurzer Weg, die Kneipe liegt in Fußnähe seines Hauses in Brighton. Cave, wie immer im Anzug, in weißem Hemd, nimmt die Sonnenbrille von der Nase und begrüßt zwei Frauen mit den Worten „Hi girls, how are you doing?“ Dem Sänger selbst geht es prächtig: Cave raucht nicht mehr, trinkt nicht mehr, ist agil und wach. In der folgenden Stunde reden wir über die Auswirkungen der gestiegenen Recherchemöglichkeiten im Internet auf sein Wirken als Autor, die alten Tage in West-Berlin und die Neuausrichtung der Bad Seeds auf dem in diesen Tagen erscheinenden Album Push The Sky Away. Es ist ein diesiger und grauer Tag, in Gesprächspausen weht der Wind das Geschrei der Möwen vom nahen Meer herüber.

Mr. Cave, würden Sie sagen, dass sich das Schreiben und vor allem die Recherche von Texten, auch von lyrischen und poetischen Texten, durch das Internet und die dort offengelegten Archive verändert hat? Ich frage natürlich vor allem auch nach Ihrem Schreiben.
Ich habe schon immer geschrieben, und zwar mit Stift und Schreibmaschine und zuletzt mit dem Computer. Und ich habe immer und sehr viel und intensiv recherchiert, um meinen Texten eine Genauigkeit zu geben, die sich tatsächlich nur dann einstellt, wenn man in die Tiefe geht.

Ist es nicht so, dass sich die losen Enden, nicht zuletzt die einer Erzählung oder eines Songs, leichter verknüpfen lassen, je mehr spezifisches Wissen man aggregiert – und je leichter dieses Wissen zugänglich ist?
Ich habe ein starkes visuelles Verlangen. Ich muss mir meine Songs bildhaft vorstellen können. Erst wenn ich mir den tatsächlichen Handlungsort eines Songs vor Augen führen kann, greifen kann, funktioniert er für mich. Alles, was in meinen Songs passiert, könnte ich auch wie ein Storyboard zeichnen, so genau habe ich Handlungsstränge und Szenerien in meinem Kopf visualisiert. Früher habe ich Stadtpläne und Landkarten gezeichnet, um mich in meinen Songs zurechtzufinden. Ich habe eigentlich zu jedem Song umfangreiche Aufzeichnungen zur Peripherie der Ereignisse – sie sind hauptverantwortlich dafür, dass ich meine Texte als geerdet bezeichnen würde.

Und wie hat sich das, seitdem Sie Ihre Recherchen auch im Internet vornehmen, auf Ihre Songs ausgewirkt?
Das Internet stellt für mich eine massive Veränderung dar. Für mich ist es ein gigantischer Wissensspeicher, auf den ich zurückgreifen kann – wann und wo ich auch immer will. Mich interessiert ehrlich gesagt noch nicht einmal, ob die Ergebnisse meiner Recherchen am Ende wahr sind oder Ungereimtheiten aufweisen. Für mich ist das die Wahrheit des Internets – eine eigene Wahrheit, die nichts mit der Wirklichkeit gemein haben muss. Mein Songwriting ist hierdurch dichter und intensiver geworden. Ich fühle mich in der Lage, noch mehr Augenmerk auf Details zu legen als zuvor schon. Gerade die esoterischen Details machen den Unterschied aus.

Früher habe ich Stadtpläne und Landkarteb gezeichnet, um mich in meinen Songs zurechtzufinden.

Esoterisch?
Nehmen wir den Suchbegriff „Martin Luther King“. Ein Mausklick, und ich habe seinen Wikipedia-Eintrag. Den überfliege ich, bleibe aber an irgendeinem ganz spezifischen Detail hängen. Irgendein esoterisches Detail, das ich zuvor nicht kannte. Einen Mausklick später bin ich in einem anderen Text, sagen wir …

… über Harold Leventhal?
… von mir aus über ihn. Entscheidend ist, dass ein solcher Gedankensprung in keiner Zeit vonstatten geht. Sie folgen einfach ihrem inneren stream of consciousness. Sie kennen Leventhal?

Nicht persönlich. Aber ich weiß natürlich, dass er während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung einer der führenden Konzertpromoter an der Ostküste war und dass er es war, der den jungen Bob Dylan während des Marsches auf Washington hat singen lassen.
Genau. Und durch solch eine Art von Wissen navigiere ich gerne, wenn ich mich freiwillig im Internet verliere. Es liegt ja an mir, wie tief ich darin eintauchen will. Um die von mir angestrebte visuelle Qualität zu erreichen, die ja zugleich eine narrative Qualität ist, musste ich früher immer in Bibliotheken gehen. Der Bibliotheksausweis, Thesaurus-Wörterbücher, branchenspezifische Wörterbücher und nicht zuletzt die Bibel gehörten beim Schreiben immer zum Unentbehrlichen.

Das impliziert ein langsames, geduldiges Arbeiten.
Im Gegenteil. Ich bin Hochgeschwindigkeitsschreiber. Und ich schreibe viel.

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