Tropfen in der Wüste – Ersan Mondtag im Feature

Foto: Robert Gober

Morgen eröffnet Ersan Mondtags Inszenierung I Am A Problem im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Für den jungen Künstler und Regisseur zählt nicht, dass jeder seine Werke versteht. Was zählt, ist die bewusste Entscheidung, hinzugehen. Deswegen inszeniert er nicht nur auf der Bühne, sondern von nun an auch im Museum.

Ersan Mondtag ist Künstler, vor allem aber selbsterklärter Gegner der „Alles-muss-um-jeden-Preis-für-alle-verständlich-sein“-Mentalität. Und er liefert dazu gleich die passende Analogie: „Kein Mensch erwartet von Biologen, dass sie ihre Untersuchungen soweit verplatten und banalisieren, dass auch wirklich der letzte Trottel alles versteht.“ Wieso sollte es also mit der Kunst, mit dem Theater anders sein? Das ist heute insofern eine bemerkenswerte Überzeugung, weil einem im vielbeschworenen öffentlichen Raum zumeist Ansichten, Belehrungen und Aufforderungen zum Nachdenken ungefragt vor die Füße geschmissen werden und der Bücherkanon als hoffnungslos reaktionär gilt. „Im Grunde ist das Kunstwerk, das von allen verstanden werden will, wie ein Mensch, der von allen geliebt werden möchte. Ein sehr unselbständiges, ängstliches und sogar hasserfülltes Wesen“, meint er weiter. „Etwas Gefährliches, Korruptes, Propagandistisches.“ Mondtags Gegenvorschlag: Nicht die Werke sollen sich in vorauseilendem Gehorsam dem beschränkten Horizont anpassen, sondern die Gesellschaft müsse die nötigen Voraussetzungen für Kunstbildung als elementaren Bestandteil der Erziehung zum aufgeklärten, demokratischen Subjekt schaffen.

Mondtag geht es also nicht um den öffentlichen Raum, sondern einen, den man aktiv aufsucht: Nach den Theaterbühnen in München, Hamburg, Frankfurt, und Berlin bespielt er nun zum ersten Mal ein komplettes Museum. Sein Ruf dürfte ihm vorauseilen. Nach Einladungen zum Theatertreffen, Auszeichnungen als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner bescherte ihm seine vor Zitaten und Uneindeutigkeiten überbordende Inszenierung zum NSU-Prozess erst kürzlich plakative Zuschreibungen wie „eigenwilliger Shootingstar“. Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst fragte den gebürtigen Berliner nun, ob er Aus- und Darstellung miteinander verknüpfen wolle. Er wollte. Und wurde in der Sammlung des Hauses zwischen On Kawara und Markus Sixay, Will Benedict und Elaine Sturtevant fündig: „Die Selbstoptimierung glaubt ja, dass wir unsere Schwächen ausmerzen können, indem wir uns mit zig Apps in eine Art Effizienz-Cyborg verwandeln“, erklärt Mondtag die Dringlichkeit seines Ausstellungsthemas I Am A Problem. „Keine Sekunde soll vergeudet werden. Als wäre jedes unserer Atome ein Tropfen Wasser in einer Wüste.“

Diesmal wird Ersan Mondtag also das Ich, oft genug als Kriegserklärung an ebenjenes, im Ausstellungsraum statt auf der Bühne inszenieren. Dass gerade der Kreative der Selbstausbeutung permanent Vorschub leistet, wo seine Arbeit laut Mondtag doch auf der Seite der Verschwendung, nicht der des Mehrwerts zu verorten sei, ist eine mehr als ironische Randnotiz. Auf die Frage nach seiner Lieblingskunst fallen mit Bosch und Cranach folgerichtig auch die Namen der großen christlichen Maler, die sich der Üppigkeit verschrieben haben, und mit Dix und Kirchner und Kader Attia allemal Künstler, die „um die Spannung zwischen Mysterium und Ekstase wissen, die Spannung von Konzentration und Auflösung“.

Dieses Feature erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 376, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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