Torres „Three Futures“ / Review

Störgeräusche, Melodiefetzen, halb vergeigte Riffs vor einer Kulisse aus Highways, Autos und Motels jenseits jeder Sternewertung: Torres packt Rock auf Three Futures 46 Minuten lang bei den Eiern – und ringt ihm damit doch noch etwas Neues ab.

Breitbeinig sitzt Torres in einem Wohnzimmer Marke All-American Grandma. Unter ihrem Jackett: nichts. Ihr Blick: leidgeprüft. Die Frau im Spiegel hinter ihr: nackt. Das Cover des dritten Albums der Künstlerin aus Nashville, Tennessee erzählt von einer anderen Zeit, als man bei Kummer kurzerhand die Bar leer soff und die Leiden eines rambling man zwischen Sex, Fusel und unerfüllter Liebe in Country-Rock mit winselnder Pedal-Steel-Gitarre kanalisierte. Typen wie Gram Parsons oder Gene Clark hätten in den späten Sechzigern so posieren können. Und nun eben Torres 50 Jahre später.

Das klingt unpassender, als es ist. Mackenzie Scott alias Torres bedient sich nämlich im selben Baukasten wie die alten Leidensmänner. Auch bei ihr geht es um Affekt, Körperlichkeit und Seelenkater. Natürlich vor der Standardkulisse des US-Folk: Highways, Autos und Motels jenseits jeder Sternewertung. Ebenfalls am Start: Die charakteristischen Dur-Moll-Wechsel, ohne die man keinen echten tearjerker schreiben kann.

Highways, Autos und Motels jenseits jeder Sternewertung.

Einen rambling man alten Schlags sucht man auf Three Futures allerdings vergebens – ebenso wie eine rambling woman. Stattdessen schreibt Scott ohne geschlechtliche Grenzen über die Irrungen und Wirrungen menschlicher Beziehungen. In ihren Texten stehen männliche und weibliche Attribute selbstverständlich im Einklang. In „Righteous Woman“ etwa erzählt sie davon, dass sie genau das eben nicht sei: eine gerechte Frau. Sondern: „I am more of an ass man.“ Oder in „Three Futures“: „I got hard in your car.“

Neu ist das nicht. PJ Harvey spielte schon auf Rid Of Me (1993) mit wechselnden Identitäten. Der Unterschied: Harvey machte damals tatsächlich noch Rockmusik. Torres hingegen entschlackt auf Three Futures Riffs und Licks bis zur Unkenntlichkeit. Ihre Gitarrenarbeit triebe jeden rechtschaffenen Tontechniker in die Frührente. Auf das Album schafft es nur, was andere im Studio in die Tonne treten würden: Störgeräusche, Melodiefetzen, halb vergeigte Riffs. Das klingt nicht nur verdammt clever. Es zeigt auch, dass man der Rockmusik doch noch etwas Neues abgewinnen kann – wenn man sie, wie Scott, 46 Minuten lang bei den Eiern packt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here