Moses Sumney – Traurige Antworten / Feature

Viele Knöpfe und ungezählte Strohhalme – Moses Sumney entspannt

Moses Sumney ist Musiker. Aber alle Welt will über seine Hautfarbe reden. Er kontert – mit Folk. Morgen erscheint sein neues Album Aromanticism. Vergangenes Jahr sprach SPEX mit dem Einzelgänger – auch über ethnische Zuschreibungen in der Musik.

Beyoncé hat Recht. Über Moses Sumney sagt sie, dass die Musik einfach aus ihm heraus fließe. Und liefert damit eine treffende Beschreibung der leisen, einzelgängerischen Folksongs des 25-jährigen Musikers aus Los Angeles. Sein zartes Falsett wurde mit Beck, Bobby McFerrin oder Sufjan Stevens verglichen. In seinen Liedern begegnet diesem kein anderes Gegenüber als eine sparsam eingesetzte Gitarre. So entsteht eine selten gehörte Intimität, die Unabhängigkeit genauso ausstrahlt wie eine gewisse Einsamkeit. Gerade scheint Sumney damit einen Nerv zu treffen. Im letzten Jahr eröffnete er für Erykah Badu im Hollywood Bowl, zu seinen Kollaborateuren gehören James Blake, Karen O und Chris Taylor von Grizzly Bear.

Im Skype-Gespräch klingt Sumneys Stimme voll und schillernd – ganz anders als in seinen Songs. Moses Sumney erzählt seine Geschichte. Seine ersten zehn Lebensjahre hat er in den USA verbracht. Dann nehmen ihn seine Eltern mit nach Ghana – in ihre Heimat. „Zu diesem Zeitpunkt war ich aber schon sehr amerikanisiert“, erklärt er. „Mir ist es nicht mehr gelungen, mich anzupassen.“ Mit zwölf Jahren beginnt Sumney Songs zu schreiben. Er wird nie wieder damit aufhören. Eine Gitarre hat er trotzdem erst zehn Jahre später gekauft, als er in Los Angeles studiert.


Das ist spannend, trotzdem will sich das Gefühl eines persönlichen Gesprächs nicht einstellen. Auf eine poetische, nicht unfreundliche Weise spiegelt Moses Sumney die Leere der Fragen. Wirklich spannend wird es erst, als das Thema Ethnizität zur Sprache kommt – ein Fettnapf. „Wenn ich Interviews gebe, muss ich ständig Fragen dazu beantworten, Afroamerikaner zu sein“, sagt er. „Das ist schon in Ordnung. Ich kann aber nicht abstreiten, dass es mir etwas ausmacht. Es ist nicht so, dass ich nicht akzeptieren könnte, ein Schwarzer zu sein. Und ich will, dass die Leute das wahrnehmen. Aber gleichzeitig ist es irritierend, danach gefragt zu werden. Es ist eine Sache, wenn du Kendrick Lamar oder Solange darauf ansprichst. In ihrer Musik ist Ethnizität ein Thema. Aber ich schreibe traurige Folksongs. Sie stehen nicht direkt mit anderer afroamerikanischer Musik in Verbindung. Ich mache sie nicht hauptsächlich als Afroamerikaner. Was ist also der offensichtliche Grund dafür, über Rasse zu reden, außer meine Hautfarbe?“

Moses Sumney hat Recht: eine Zuschreibung ohne künstlerischen Kontext. Aber er will keine Entschuldigung hören: „Es ist gut, dass du diese Fragen stellst. Und es ist gut, wenn ich diese Antwort gebe – in jedem einzelnen Interview. Es ist keine Kritik an dir, sondern eine Kritik daran, wie wir Musik hören. Wenn es um Rasse geht, erlauben wir der Musik nicht, so vielfältig zu sein, wie sie es in Wirklichkeit ist. Denk an Stevie Wonder. Oder an Aretha Franklin. Sie hat erst Jazz, dann Gospel, dann Soul und zuletzt R’n’B gemacht.“

Dieses Feature erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 372, die es weiterhin versandkostenfrei im Shop bestellbar ist.

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