Vorspiel für Grant Hart: „Gleichschaltung regt mich auf!“

Foto: Holger Pooten

Grant Hart ist tot. Als Drummer von Hüsker Dü prägte er in den Achtzigern zusammen mit Bob Mould und Greg Norton die Zukunft der Rockmusik und gilt bis heute als einer der einflussreichsten Künstler dieser Zeit. Zuletzt war Hart als Solokünstler aktiv. Nun erlag er im Alter von 56 Jahren einem Krebsleiden.

Der Sänger und Schlagzeuger Grant Hart gründete die Gruppe Hüsker Dü im Jahre 1979 in Saint Paul in Minnesota. Zusammen mit Bob Mould, Gesang und Gitarre, sowie Greg Norton am Bass spielte er anfänglich aggressiven Hardcore-Punk, um dann schnell melodischer zu werden. Erste Alben wurden bei dem legendären Label SST veröffentlicht, 1986 wechselte man zu Warner, begleitet von den üblichen „Ausverkauf“-Rufen der sogenannten Alternative-Szene. 1987 löste die Gruppe sich auf.

Man kann getrost behaupten, dass weder Nirvana noch Tocotronic ohne Hüsker Dü denkbar wären. „Husker Du« bedeutet auf Dänisch und Norwegisch „Erinnerst du dich«, das Trio ergänzte die als „röck döts“ oder „Metal Umlauts“ bezeichneten Umlaute in Anlehnung an Bands wie Blue Öyster Cult, auch um sich von den üblichen Bandnamen des Punks abzugrenzen.

Harts im Juli 2013 erschienenes Album The Argument ist eine tolle, mitreißende Gitarrenpop-Platte geworden. Sie basiert auf John Miltons ausuferndem Gedicht „Paradise Lost“, das zum ersten Mal im Jahre 1667 in England veröffentlicht wurde. Wir treffen Grant Hart an einem drückend schwülen Tag im Bezirk Wandsworth südlich der Themse. Er hat nach London in das Büro seines neuen Labels Domino geladen, um über The Argument zu sprechen. „So. Fertig“, sagt er, „ich habe gerade mit einem Journalisten aus Frankreich telefoniert. Hat man Ihnen Kaffee angeboten?“ – „Ja!“ – „Sehr gut, ich fülle mir kurz nach, dann gehen wir nach draußen, oder?“ Wir kommen an der hauseigenen Poststelle vorbei. Hart schnappt sich ein paar Domino-Paketaufkleber. „Hier, ein Geschenk für Sie!“ – „Freuen Sie sich, auf solch einem anständigen Label wie Domino gelandet zu sein?“ – „Ja, sehr! So ein cooles Logo!“ Doch Hart hält noch etwas anderes in der Hand …

Oh! Was haben Sie da?

Ach, nichts, das ist nur eine Unterlegscheibe, die ich da gerade vom Boden aufgehoben habe. Aber gut, prima, die behalte ich!

Was haben Sie mit der Scheibe vor?

Ich hebe sie auf und bastele mir einen Talisman, als Erinnerung an meinen Aufenthalt in London und an die Tour, die wir gerade absolvieren. Manchmal liegen diese Fundstücke aber auch Jahre auf meiner Kommode herum, so lange, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wo ich sie gefunden habe. Aber auch dann werden sie zu einem Talisman umgearbeitet. Einige Leute kennen meinen Tick und denken dann immer, sie müssten Sachen für mich vom Boden aufheben. Aber genau so funktioniert es eben nicht!

Pet Shop Boys
„Pandemonium“
Vom Album Yes (2009)

Aha! Mist. Leider kenne ich mich mit den Pet Shop Boys überhaupt nicht aus. Aber ich schätze sie aus der Ferne, sehr.

Das Stück heißt „Pandemonium“. Diesen Begriff hat Milton in seinem Gedicht „Paradise Lost“ geprägt, welches nun ja auch die Grundlage Ihres neuen Albums bildet.

Hm! Neil Tennant benutzt den Begriff aber hier doch sehr, nun ja, frei. Mit Miltons Gedicht hat der Text wirklich gar nichts zu tun. Aber mir gefällt dieses Stück sehr gut. Fantastische Melodien und was für eine satte Produktion!

Neil Tennant, das haben wir vor vier Jahren aus Platzgründen nicht abdrucken können, sagte in einem SPEX-Interview zu mir: „Milton gilt als der Schöpfer des Wortes Pandemonium, das den Palast Satans bezeichnet. Pan und Demonium sind Wörter griechischen Ursprungs und bedeuten zusammengesetzt: alle Dämonen. Das Pandemonium ist das Haus aller Teufel und Dämonen.“

Korrekt.

Er sagte weiter: „Die Idee zum Text kam mir, als Kate Moss mit Pete Doherty auszugehen begann, das war Anfang 2007. In dem Song nehme ich die Erzählperspektive von Kate Moss ein – und beschreibe Pete Doherty. Der Song verhandelt, wie es ist, mit einer Person zusammen zu sein, die auf Schritt und Tritt für Ärger sorgt.“

„Pandemonium“ steht hier also für Chaos. Kann man machen!

Nun zu Ihnen, bitte!

Durch die Beschäftigung mit Popkultur als Fan kann man viel lernen. Man verliebt sich in eine Band, entdeckt deren Inspirationsquellen, kommt so zu anderen Künstler und immer so weiter … Kennen Sie Charles Henri Ford?

Leider nein.

Durch Charles, mit dem ich in den Jahren vor seinem Tod befreundet war, habe ich so viel gelernt. Er war eine riesige Inspirationsquelle für mich! Charles war Dichter, Autor, Filmregisseur, Fotograf und bildender Künstler und ist unter anderem bekannt als Herausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift View, die im New York der 40er-Jahre entstand. Er hing in Gertrude Steins Salon in Paris rum und kannte sie alle: Man Ray, Peggy Guggenheim, in New York dann Orson Welles, Andy Warhol, E.E. Cummings. Der große Cecil Beaton fotografierte ihn. Ein wunderhübscher Mann aus Mississippi. Mit 18 Jahren, das war 1931, verlegte er ein Magazin und nannte es Blues. Das war meines Wissen nach das erste Mal, dass ein Weißer diesen Begriff für die Beschreibung dieser Art von Musik anwandte. 1933 schrieb er zusammen mit einem gewissen Parker Tyler den ersten schwulen Roman, den ich kenne. The Young And Evil – modernistisch, protosurrealistisch, sehr empfehlenswert! Ich könnte ewig über Charles reden …

Napalm Death
„Suffer The Children“
Von der EP Suffer The Children (1990)

Mir geht es hier um die Geschwindigkeit, in der diese Band spielt. Sie waren, besonders mit Hüsker Dü, auch immer sehr rasant unterwegs. Woher kam das?

Unsere frühen Sachen sind wirklich unglaublich schnell. Das Tempo ist der Zeit geschuldet. Dem Zeitgeist. Irgendjemand bezeichnete uns in unseren Anfangstagen als „the fastest band“, und diesen Titel wollten wir dann immer behalten! Kein Witz. Außerdem machten wir den Fehler, ein Live-Album namens Land Speed Record zu veröffentlichen, um die dort versammelten Songs danach nie wieder spielen zu müssen. Leider gefiel dieses Album vielen Menschen – das war dann eben der Sound, den man immer wieder von uns hören wollte. Das Album ist rund 25 Minuten lang, wir haben es einmal live in zwölf Minuten heruntergespielt.

Die Musikpresse hat Ihnen diverse Namen verpasst. Können Sie sich noch an einige erinnern?

„Der dickliche Drummer“ wurde zum „Barfuß-Drummer“, zum „singenden Drummer“, zum „Langhaar-Drummer“ und, wegen meiner langen Haare, zum „versteckten Drummer“. Menschen und ihre Kategorisierungen … Ich habe immer versucht, mich dagegen zu wehren. Auch was meine Kleidung anging. Das war im Punk ja alles sehr genau geregelt. Ich habe versucht, anders auszusehen und war in der Szene der erste, der seinen Stil geändert hat, wenn es zu konformistisch wurde. Lange Haare sind verpönt? Ich lasse meine Haare sofort lang wachsen! Mich regt Gleichschaltung immer sehr auf. Als Mann mit homosexuellen Praktiken muss ich Ihnen sagen, dass die Gleichschaltung bestimmter Körperpolitiken, ich meine jetzt nur das Aussehen, in der Schwulenwelt ganz furchtbar ist. Und wenn man anders aussieht, gehört man ganz schnell nicht dazu und wird schief angeguckt, was natürlich sehr spießig ist.

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