Labelle „Univers-île“ / Review

Die Insel La Réunion interpretiert Univers-île als Mikrokosmos, als Pars pro toto für den ganzen Erdenkloß. Am Ende bleibt eine Sammlung von Momenten – einige interessant, andere weniger.

Nanu, haben sich Patti LaBelle, Nona Hendryx und Sarah Dash nochmal zusammengefunden, um die Welt mit einem Alterswerk zu beglücken? Ignorante Frage eines big old farts, das. Dies ist nicht nur das bereits zweite Album, das der junge Franzose Jérémy Labelle auf dem Francesco-Tristano-Label Infiné herausbringt. In seiner Vita finden sich diverse weitere Veröffentlichungen, etwa die Projekte Kaang und Thraces, sowie unter dem Moniker Unmapped.

Labelles Anliegen ist seine Wahlheimat: Die Insel La Réunion, 700 Kilometer östlich von Madagaskar mitten im Indischen Ozean gelegen, als „Übersee-Départment“ einer der letzten Reste des französischen Kolonialreichs und zudem Geburtsort von Labelles Vater. Aufgrund ihrer Lage ist die Insel ein Schmelztiegel, in dem die Spuren ostafrikanischer, indischer und europäischer kultureller Praktiken zu finden sind. Da ist es naheliegend, sie als Mikrokosmos zu interpretieren, als Pars pro toto für den ganzen Erdenkloß, als Univers-île.

Ein Bewerbungsschreiben für öffentlich-rechtliche Naturfilme.

In ihren besten Momenten klingt die Platte wie ein Forschungsprojekt mit den Mitteln einer spiritistischen Sitzung. Zu geheimnisvollen Mollakkorden beschwört Labelle im Flüsterton die Geister der Verstorbenen und in den Weihrauchschwaden tauchen immer wieder Trümmer von Musikstücken, Spuren unterschiedlichster Stilrichtungen auf. Das sind gleichermaßen lokale Ausprägungen wie Maloya und Sega, aber auch Trance, Ambient und New Age gespickt mit einer Reihe von Gastbeiträgen.

Problematisch ist jedoch Labelles Vorliebe für Hall, einige Sound-Entscheidungen, die Daniel Lanois vor 30 Jahren womöglich ähnlich getroffen hätte, und seine mangelnde Abgrenzung zum Ethnokitsch. In seinen schlimmsten Momenten klingt Univers-île wie ein Bewerbungsschreiben für die Produktion von Soundtracks für öffentlich-rechtliche Naturfilme – in „Observateur“ etwa liefert Labelle gleich die passenden Vogelstimmen mit. Oder man freut sich über das hübsche Gedengel zu Beginn von „Playing At The End Of The Universe“ – und ärgert sich umso mehr, wenn dann unsinnigerweise immer mehr Sounds und Instrumente darüber getürmt werden und abschließend alles in großzügig verteilter Reverbsauce ersäuft wird. So bleibt Univers-île eine Sammlung von Momenten. Einige interessant, andere weniger.

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