Gonjasufi – Der innere bin Laden / SPEX präsentiert Zusatzshows & Ticketverlosung

Kaleidosufi in der Wüste (Foto: Tim Saccenti)

Beste Idee neulich beim SPEX-Kiffertreffen: Gonjasufjan! Bis es so weit kommt, präsentieren wir nach der Solotour im Frühjahr auch zwei Zusatzshows von Gonjasufi und unseren Artikel über den Blues- und Dub-Zerstörer aus SPEX No. 370. Tickets verlosen wir auch.

Welt am Draht, Künstler in den Seilen. Mit seinem zweiten Album Callus baut der Gitarrist, Sänger, Produzent, Yogalehrer und Bongphilosoph Sumach Ecks alias Gonjasufi die Modellversion eines Planeten nach, auf dem schon bald nur noch die Maden und Rechtspopulisten in ihrem eigenen Dreck leben könnten. Zugleich ernennt er sich zum Schmerzableiter der Welt – und erklärt im Interview, wie ihm 40 Millionen imaginäre Leichen immer wieder das Leben retten.

Erst die gute Nachricht und dann die ganzen schlechten: Das neue Album von Gonjasufi ist praktisch unhörbar. Nicht so, wie Sprachpuristen die Musik von Haftbefehl unhörbar finden, sondern eher in dem Sinne, dass man mal schnell zu Rossmann will um wasserfeste Pissunterlagen für Babybettmatratzen zu holen, sich für den Weg dorthin die 19 Callus-Stücke aufs Smartphone zieht und dann merken muss, dass man die Platte gar nicht laut genug auf- oder weit genug runterdrehen kann. Sie bleibt stets ein einziges Gekrümel aus verzerrten Stimmen und übersteuerter Produktion, kaputtem Schlagzeug und anderen plötzlich wegbrechenden oder losheulenden Instrumenten. Gerade noch auf 180, dann schon wieder unter Wasser. Unhörbar eben, aber eigentlich ganz geil.

Und sowieso nichts verglichen mit dem, was sich Sumach Ecks schon anhören musste, als er auf der Straße unterwegs war. Es gibt diese Geschichte über ihn, die kurz nach 9/11 passiert sein soll: Damals lief er durch San Diego, vorbei an einem Grüppchen Marines, und einer der so genannten Elitesoldaten rief ihm, begleitet von großem Gejohle, hinterher: »Hey Leute, wir haben bin Laden gefunden!« Der Legende nach drehte Ecks um, ging langsam auf die Marines zu und fragte sie, wer ihn gerade so genannt hatte. Schweigen. Und dann wieder Ecks: »Ich werde jetzt weitergehen. Sollte ich auch nur einen Mucks hören, verwandle ich mich wirklich in bin Laden.“

Wie das meiste aus der Biografie von Ecks ist auch diese Episode kaum zu verifizieren. Der inzwischen 38-Jährige soll einen Großteil der Neunzigerjahre in Los Angeles und San Diego verbracht haben, er ist angeblich ein Cousin von Ishmael Butler (Digable Planets, Shabazz Palaces) und begeisterte sich damals für Tricky, die Open-Mic-Nächte des Project-Blowed-Kollektivs und alles, was man rauchen, schnupfen oder einwerfen kann. Eigene MC-Ambitionen blieben stets in den Kinderschuhen stecken – „ich erinnere mich nur an ein vages Gefühl von Spaß“, sagt Ecks im Rückblick. Heute lebt er in der Wüste zwischen L.A. und Las Vegas, mit Frau, drei Kindern und Yogamatte. Die Songs, die er als Gonjasufi aufnimmt, klingen nach einer Begegnung von Tom Waits und The Bomb Squad. Weniger Kinderschuhe als Kindersärge.

Ecks mag es dramatisch: „Als Musiker“, sagt er, „jongliere ich mit Messern, während ich Kanonenkugeln ausweiche und durch Feuer tanze.“ Ein Feature auf dem Flying-Lotus-Album Los Angeles machte Gonjasufis Raspelstimme 2008 mit einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Der Künstler unterschrieb bei Warp und brachte knapp zwei Jahre später sein Debütalbum A Sufi And A Killer heraus. Der unerhörte Sound der von The Gaslamp Killer produzierten Platte verhalf Ecks in Verbindung mit seinen ankedotenreichen Interviews zum Kultstatus unter Musikjournalisten. Das Album erwies sich jedoch auch als große Hypothek. Sechs Jahre vergingen danach, in denen Gonjasufi lediglich eine Reihe richtungsloser EPs zustande brachte. Versuche, eine zweite Platte aufzunehmen, scheiterten nicht zuletzt an schlechten Arbeitsbedingungen. „Ich wollte Weg vom Image des Karaokesängers, der auf Samples und andere Produzenten angewiesen ist“, sagt Ecks. „Das ist schwer, wenn man in einem Studio landet, wo der Toningenieur auf Heroin ist und alle mit einem Gartenschlauch duschen.“

„Ich habe jedes heilige buch gelesen. man sollte sie alle auf den müll werfen.“

Form nahm Callus erst an, als Ecks das Interesse an einem neuen Album eigentlich schon verloren hatte. Weitere ernüchternde Sessions mit Musikern, die seine Ideen für eigene Projekte abzapften, führten Ecks zurück in die Wüste und zur abgeschiedenen Akkordarbeit: die Gitarre wurde sein „Maschinengewehr und Schutzschild“, wie er sagt. Auch weil er Produktion und Mix der neuen Songs selbst übernahm, haben wir nun den Salat – ein Album, das nur noch unverbindlich auf Rap, Blues und Dub zurückweist und Gonjasufi als neue Art von Leidensmann präsentiert, der in der broken music sein eigenes Genre findet. „Ich hätte Liebeslieder schreiben können“, sagt Ecks, „irgendwelchen R’n’B-Scheiß. Vielleicht könnte die Welt das sogar gebrauchen. Aber ich wollte nicht der nächste Künstler sein, der seine Gefühle verbirgt und seinen Schmerz mit Koks betäubt. Im Gegenteil: Ich wollte mich in den Schmerz hineinfressen.“

Dazu muss man wissen: Ecks‘ Sorgen sind unsere Sorgen, wir alle, glaubt er, teilen als „big fucking organism“ ein Herz und einen Geist miteinander. Wer sich auf diese Denkweise einlässt, glaubt er außerdem, kann damit arbeiten. „Mein Schmerz“, sagt Ecks, „ist zugleich der Schmerz aller anderen Menschen. Deshalb steigere ich mich so sehr in die Sache hinein – weil ich dadurch den Schmerz der ganzen Welt auf mich laden kann.“ Im Supermarkt führt diese Philosophie mitunter zu unangenehmen Situationen, weil Ecks dazu neigt, anderen Einkäufern sein Mitgefühl durch aufgedrängte Gespräche und bohrenden Augenkontakt zu vermitteln. Sie führte aber auch zu Callus, einer Platte, die beinahe jedes denkbare Schmerzensszenario durchgeht und Heilung immer dort sucht, wo sie den Finger besonders tief in die Wunde drücken kann.

Man könnte dahinter eine Abhärtungsstrategie vermuten, aber Ecks sieht es anders herum. „Die Gesellschaft erwartet von uns, dass wir die emotionslose, vermeintlich männliche Seite unseres Wesens pflegen. Ich hingegen glaube, dass sich das Weiche immer gegen das Harte durchsetzen wird. Wasser sickert durch die dicksten Felsen. Wir sollten also mehr weinen, uns verwundbar machen und Gefühlsausbrüche zulassen.“ Gründe gibt es ja genug: Im Gespräch streift Ecks alte und neue Medien, ihre Arbeit an der Verrohung der Menschen, eine bösartige Unterhaltungsindustrie, die schwarze Künstler erst mal twerken lässt, bevor sie den Mund aufmachen dürfen – und immer wieder fundamentalistisch motivierten Terror, der sich als Wurzel vielen Übels durch die Geschichte zieht. „Ich habe jedes heilige Buch gelesen“, sagt Ecks. »Man sollte sie alle auf den Müll werfen. Schon die USA, mein Heimatland, das ich liebe, wurden von Jesusfreaks auf einem Fundament aus Terror erbaut.“

Wie nun wird man darüber nicht verrückt? Ecks muss lachen. „Hören Sie mir doch zu! Hören Sie mein Album! Ich bin komplett irre!“ Vielleicht auch deshalb blieb ihm nur die Wüste als letzter Rückzugsort. Auf Callus spielt sie als unsichtbares Instrument eine tragende Rolle, in seinem Alltag vereitelt sie kleinere und größere Unglücksfälle. „Ich bin ein wütender Mensch“, sagt Ecks. Ich wache wütend auf, ich gehe wütend ins Bett, und manchmal muss ich die Wut auch rauslassen.“ Früher hat das Gonjasufis innerer bin Laden besorgt. Heute steigt er ins Auto. „Auf den Freeways der Wüste habe ich 40 Millionen Menschen getötet. Aber nur in meinem Kopf.“

SPEX präsentiert Gonjasufi live
30.10. Heidelberg – Karlstorbahnhof
05.11. Berlin – Gretchen

Dieser Artikel stammt aus SPEX No. 370. Das Heft ist nach wie vor versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

SPEX verlost für beide Shows jeweils 2×2 Tickets. Zur Teilnahme einfach eine Mail mit vollständigem Namen sowie dem Betreff „Gonjasufjan“ an gewinnen@spex.de senden.

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