„Für mich ist Musik immer noch ein Abenteuer“ – Vorspiel für Holger Czukay

Foto: Albrecht Fuchs

Les Vampyrettes
„Biomutanten“

Von der EP Biomutanten / Menetekel – 1980

(Nach wenigen Sekunden lachend) Conny Plank sagte immer: »Père Lachaise«. Das ist in der Tat die Stimmung, die er sofort erkannt hat. Es wirkt wirklich so wie die Geister, die über den Friedhof rauschen.

Les Vampyrettes und „On The Way Of The Peak Of Normal“ sollen wiederveröffentlicht werden.
Die sind schon draußen. Aber noch mal zu Conny Planck: Das war ja nun mein engster Partner und mein engster Freund, nachdem ich von Can weggegangen war, und der verstand eigentlich immer mei- nen Sinn für Humor. Bei dieser Les-Vampyrettes-Scheibe habe ich ihm vorgeschlagen: „Conny, Horror, with comfort!“ Comfort heißt hier: Horror nicht als Trash und nicht als Müll, also als Müllkippe gedacht, wo der Horror entsteht, sondern eigentlich genau das Gegenteil, so dass das noch toll klingt und so weiter. Und das muss noch einen gewissen humorvollen Aspekt haben. Wir haben damals Les Vampyrettes im BFBS gespielt, im Nachtprogramm. Da rief doch tatsächlich eine Frau an und sagte: „Um Himmels willen, macht sofort diese Musik aus. Ich habe solche Angst.“ Das Ganze passte ziemlich gut in die Achtziger-Jahre, fand ich, obwohl es ja kein richtiges, programmatisches Achtziger-Jahre-Stück ist.

Black Fööss
„Drachenfels“

Vom Album Schöne Bescherung – 1985
Die Bläck Fööss! Bei denen habe ich immer gedacht: Das sind eigentlich die kölschen Beatles. Die Beatles mögen zwar innovativer gewesen sein, aber eins steht fest, die Bläck Fööss hatten einen unglaublich guten Chorgesang. Ich habe sie regelrecht beneidet, wie sie das gemacht haben. Dieses Lied hier ist eine richtig heftige Nummer. Ich selbst bin gar nicht der Typ, der das Kölsche beson- ders promotet, und für mich wäre das eigentlich ein Titel wie jeder andere gewesen. Tommy Engel kann ja sehr charakteristisch sein, das habe ich aber hier gar nicht empfunden. Ich denke allerdings musikalisch absolut. Musik hat etwas Absolutes, Unteilbares und nicht Fortsetzbares. Ich schätze die Bläck Fööss sehr, aber ich könnte mich der Band nicht anschließen, ich würde auch gar nicht unbedingt als Gast mit ihr auftreten wollen. Für mich ist Musik immer noch ein Abenteuer.

Jah Wobble & Brian Eno
„Steam“

Vom Album Spinner – 1995
Das driftet zu sehr, man hört kein Instrument, hier ein paar Töne und da noch was, aber eigentlich ist der gesamte Charakter des Stückes undynamisch. Es gibt sehr schöne Musik, die überhaupt keine Dynamik braucht, und maschinelle Musik, die unwahrschein- lich bezaubernd sein kann. Aber das hier ist relativ schwach. Brian Enos Einfluss dabei ist nicht besonders stark, aber das Stück ist auch nicht charakteristisch für Jah Wobble. Ich bin ja mit Brian auch mal live aufgetreten, in Bonn, auf der Museumsmeile, vor kunstbeflissenen Leuten. Er war davon überhaupt nicht begeistert, aber wir haben das durchgestanden. Brian ist immer für eine Überraschung gut – Überraschungen habe ich aber hier nicht gehört.

Burnt Friedman & Jaki Liebezeit feat. David Sylvian
„The Librarian“
Vom Album Secret Rhythms 2 – 2006
Das ist David Sylvian, klar. Ich habe ein paar Produktionen mit ihm gemacht, und dabei wurde es bisweilen schwierig. Das lag daran, dass er mich heftig kritisierte. Ich hab es zum Beispiel gerne, wenn die Musik mit etwas Unbekanntem konfrontiert wird und sich somit eine Situation ergibt, die es mit einem Musiker alleine nicht gegeben hätte, auch mit drei Musikern nicht. Ich habe ihm gezeigt, wie man so was machen könnte – da war er absolut dagegen. Danach hörte ich eine Weile nichts mehr von David Sylvian, er hat auch private Probleme gehabt. Aber dann ergab es sich, dass wir zusammen in Holland auftraten, und da merkte ich, dass seine Musik sehr traurig war, sehr nach innen gewandt.

In dem Stück wirken auch Burnt Friedman und Jaki Liebezeit mit.
Wirklich? Ich wusste gar nicht, dass David Sylvian mit denen zusam- mengearbeitet hat. Gut, das kann man so machen, das ist schon in Ordnung. Es ist eindimensional. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Man kann das wirklich akzeptieren, dagegen ist gar nichts zu sagen. Man merkt: David hat sich weiterentwickelt, ist auch aus der Depressionsgeschichte irgendwie herausgekommen, also das Stück hier ist nicht wirklich niederschmetternd. Er hat jetzt eine Ebene erreicht, auf der er festklebt.

Animal Collective
„Also Frightened“

Vom Album Merriweather Post Pavillion – 2009
Keine Ahnung, was das ist.

Das ist von einem amerikanischen Musikerkollektiv, Animal Collective. Sagt Ihnen das was?
Nein. Bei so einer Art von Musik frage ich mich immer, ob das wirklich Substanz hat. Und bei diesem Stück frage ich mich: Steckt da ein Chor dahinter? Ich höre eine Art undefinierbare kontinuierliche Hintergrundbegleitung, aber ich kann nicht genau sagen, ob das aneinandergesetzt oder gar live eingespielt worden ist. Ich habe den Eindruck, der Chorgesang ist eine Extrageschichte gewesen, und die Begleitung hätte ausgespart werden können. Ich denke, dass die Musik hier nicht unbedingt die Hauptrolle spielt, das Ganze muss noch einen anderen Hintergrund haben, wo viele Bestandteile zusammenlaufen.

Holger Czukay / U-She
„Rosebud“

Vom Album New Millenium – 2003
Ja, das ist eine der frühen Produktionen mit U-She, die ich gemacht habe. Beeinflusst von Citizen Kane. Den hat sie damals aufs Korn genommen, den Titel „Rosebud“ – der Schlitten im Film. Das fand sie toll. Als wir mal mit Dr. Walker auf Tournee in Amerika waren, ist sie damit bei den Amerikanern unwahrscheinlich gut angekommen. Es ist beachtlich, was für eine Entwicklung U-She genommen hat. Einmal hat uns jemand ein Stück geschickt, das ich nicht besonders spannend fand. Als ich ihr das vorspielte, hatte sie auf der Stelle den kompletten Text fertig. Mit einer Spontaneität, die Damo Suzuki und Malcolm Mooney bei weitem nicht hinbrachten. Sie verblüfft mich immer wieder, was das anbelangt.

Gorillaz feat. Mos Def, Bobby Womack
„Stylo“
Vom Album Plastic Beach – 2010
Das ist von den Gorillaz. Der Name nicht, aber die Idee stammt von mir. Das hängt mit Damon Albarn zusammen, mit dem ich mich mal nachts in der Stadt getroffen habe, und der sich halb tot gesoffen hat bei der Gelegenheit. Er wollte unbedingt das Gespräch mit mir suchen, weil er mal was ganz Neues machen wollte. Ihm schwebte eine virtuelle Band vor, und ich hab ihm gesagt, dass er so etwas doch mal ganz auf seine Art auf die Beine stellen sollte. Daraus ist dann schließlich das Projekt Gorillaz entstanden. Wenn man das so hört, klingt es wie eine Filmszene, weil verschiedene Ebenen hier in diesem Song ineinandergreifen. Das mit dem Auto und den damit verbundenen Geräuschen erinnert mich an eine Aufnahme mit Ursa Major: „Way To L.A.“. Wenn ich ein Autogeräusch verwende, dann wird das so gezielt eingesetzt wie ein Trompetensolo. Im Gegensatz zu den Klängen hier, die Random-Erscheinungen von Autos und Nebengeräuschen sind. Ich liebe wirklich die präzise, die eindeutige musikalische Umgestaltung eines Nebengeräuschs.

Dieses Interview erschien in der Printausgabe SPEX No. 350, die weiterhin versandkostenfrei in unserem Shop zu haben ist.

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