„Für mich ist Musik immer noch ein Abenteuer“ – Vorspiel für Holger Czukay

Foto: Albrecht Fuchs

Holger Czukay ist tot. Der Bassist und „Hexenmeister“ starb am 5. September im Alter von 79 Jahren in seiner Wohnung bei Köln. Ende 2013 traf SPEX das Gründungsmitglied der Band Can noch zum Vorspiel. Von Altersmilde wollte Czukay in dem dreistündigen Gespräch nichts wissen: Er sei so aktiv wie nie, betonte er. Und daran werde sich auch so schnell nichts ändern. Lesen Sie das gesamte Interview jetzt auch online.

Wenn man von Holger Czukay spricht, denkt man an seine glorreiche Zeit, in der er als Mitglied der Band Can half, einen umwälzenden Schub anzuheizen, die „Rockmusik“ aus ihren festen Angeln zu heben, um sie mit experimentellen Zutaten in ungeahnte Dimensionen zu führen. Fast könnte man meinen, Czukay hätte jetzt, da er sich in sein Haus in Weilerswist zurückgezogen hat, endlich Zeit genug, als Ruheständler die Hände in den Schoß zu legen und auf ein erfülltes Leben zu blicken. Aber Holger Czukay erteilt entsprechenden Vermutungen eine deutliche Absage. „Ich bin so aktiv wie niemals zuvor“, lässt er nach gut dreistündigem SPEX-Besuch sämtliche Mutmaßungen über einen weisen, alten Herrn an sich abprallen.

Karlheinz Stockhausen
Kurzwellen – 1968

Holger Czukay: Das sind die Kurzwellen? Das habe ich nicht erkannt. Ich habe zwar Stockhausen erkannt, aber nicht diese Version der Kurzwellen. Man darf nicht vergessen: Kurzwellen ist ja auch eine Art von offener Partitur, nämlich jene Art zwischen Plus- und Minuszeichen, die Fortschreitung der Komposition, die mit ihm am Pult direkt erst einmal entsteht, nicht vorher. Das, was ich hier höre, ist eine andere Aufführung von ihm. Das erinnert mich ganz stark an etwas, was ich selbst erlebt habe: Das war das Zeichen der BBC im Krieg, der Fliegeralarm, mit den ersten Takten von Beethovens 5. Symphonie. Aber dass Stockhausen dies so wiederholen würde, war mir nicht klar.

Sie haben bei Stockhausen studiert. Wie wichtig war er für Sie in jungen Jahren?
Außerordentlich wichtig sogar, auch wenn wir uns am Ende mit Stockhausen überworfen haben, als Can mit der Absicht anfingen, alles anders zu machen. Stockhausen war zu der Zeit derjenige, der die Richtung fortsetzte, indem er sich weiterentwickelte. Can waren diejenigen, die sich zurückentwickelt haben – wir haben alles vergessen. Wir begannen gewissermaßen als neugeborene Babys. Wir hatten keine Erfahrung. Gar nichts. Und so waren auch die ersten Konzerte. Es war spontan, es klang zum Teil scheußlich. Wer wirklich seinen Weg suchen will, muss auch mal eine Gelegenheit haben, etwas auszuprobieren. Keine Frage: Ich war damals ein Dilettant, auch konnte ich eigentlich kein Instrument spielen, und heute, im Alter von 75 Jahren, kann ich’s auch nicht. Das heißt: Ich bin eigentlich der geblieben, als der ich mal gestartet bin – der universale Dilettant, der, wenn er was in die Hand nimmt, den Experten links auf der Autobahn überholt. Entwickeln konnte sich bei Can gar nichts – wir wollten nur etwas anders machen. Einmal hat Stockhausen mich zur Seite genommen und gesagt: „Herr Czukay, Sie denken zu viel! Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich hab doch deutlich gesehen, wie Sie Fragen in den Weg stellen, die Sie offensichtlich behindern, Musik auch wirklich auszuführen.“ Da sagte ich: „Jeder ernsthafte Mensch kommt an einen Punkt, dass er an eine Mauer kommt, die er überspringen muss ohne zu wissen, wo er auf der anderen Seite landet.“ „Das ging mir nicht anders“, sagte er, „ich musste auch über eine Mauer springen und bei Ihnen sehe ich: Sie müssen das auch.“ Ein Jahr später sagte Stockhausen dann: „Wenn der Vogel flügge wird, dann verlässt er sein Nest.“ Das war ein deutlicher Fingerzeig. Im Prinzip war es Stockhausen, der mich zu Can getrieben hat. Dass ausgerechnet der, der dieser Musik eigentlich nicht viel abgewinnen konnte, so viel Menschenkenntnis hatte und gespürt hat, dass ich noch im falschen Feld tätig war, ist beachtlich. Das wusste er besser als ich selbst.

Conrad Schnitzler
„Afghanistan“

Vom Album Consequenz – 1980

Das ist etwas, das man früher gern als Klänge von „Kosmischen Kurieren“ bezeichnete.
Ach, tatsächlich?

Es ist von Conrad Schnitzler.
Oh, den schätze ich durchaus, das muss ich gleich von vornherein sagen. Aber ich sage auch deutlich: Das ist Kopfmusik! Sie verläuft planmäßig, aber sie hat kaum eine Entwicklung. Die Entwicklung besteht nur aus Additivem; Elemente, die mehr oder weniger anei- nandergereiht oder übereinandergereiht sind, aber letzten Endes ist es addiert. So höre ich das im Augenblick. Für den Anfang sind das Dinge, die ich noch verstehen kann, aber in der Weiterentwicklung hätte ich mir eigentlich etwas anderes gewünscht, das muss ich sagen.

S.Y.P.H.
„Lametta“

Vom Album Pst – 1980

Das ist S.Y.P.H. Das wirkt so ein bisschen wie Kabarett. Das liegt daran, dass ich normalerweise wenig auf Texte achte. Während der Produktion damals, als ich den Text wahrnahm, hab ich gedacht, dass das eher einem Kabarettisten zugedacht wäre. Die Musik selbst ist relativ statisch, aber bei Harry Rag weiß man nie genau, was er eigentlich wirklich ist. Bei S.Y.P.H. habe ich seine Aufnahmen stark editiert. Ich wollte, dass Harry Rag gut klingt. Also habe ich so viele Silben rausgeschnitten, dass er sich selbst nicht wiederer- kannte. Fand er nicht so toll. Was ich natürlich verstehen konnte, denn er ist ja Sänger, beziehungsweise jemand, der mit der Stimme arbeitet. Und dem hau ich zwei Drittel der Stimme weg. Da kann ich begreifen, dass er ein bisschen pikiert war. Später bei On The Way Of The Peak Of Normal hat er dann plötzlich angefangen zu flüstern. Das war’s! Da konnte er überhaupt nichts falsch machen. Da war er sauber und deutlich und mir war klar: Mensch, was für ein super Sänger!

Public Image Ltd.
„Swan Lake“
Vom Album Metal Box – 1979

Zu dieser Zeit habe ich Jah Wobble kennengelernt. John Lydon ist ja einer, der auf Refrains und Strophen verzichtet und gleichzeitig ein unglaublich wiedererkennbarer Sänger ist. Der kann machen, was er will. Er geht von einer Konzeption aus, ein typischer Intellektueller, der in großen Projekten denkt – im Gegensatz zu Jah Wobble, der sich darüber keine großen Gedanken macht. John Lydon wollte übrigens bei uns, bei Can, Sänger werden, hat angerufen und mit Irmin Schmidt darüber gesprochen, und ich weiß gar nicht, warum er’s nicht geworden ist. Es wollten so einige bei uns mitmachen, zum Beispiel Nico. Das hat sich dann auch nicht ergeben. Aber ich weiß auch nicht, ob John Lydon wirklich der Richtige für uns gewesen wäre.

Aber Sie haben sehr viel mit Jah Wobble zusammengearbeitet …
Sehr viel nicht, aber ein bisschen was.

Ist er auf Sie zugekommen?
Ja, er ist auf mich zugekommen. Er wollte mich nur kennenlernen. Es gab einen Journalisten in London, der kannte Jah Wobble, hatte wohl irgendwie was über ihn gemacht, und der hat den Kontakt hergestellt. Und so haben wir uns bei ihm getroffen – Jah Wobble mit einem Sixpack Bier, von dem er gerade mal anderthalb getrunken hatte, als wir im Grunde schon alles besiegelt hatten. Es wurde dann sehr schnell ein Studio gebucht in Soho. Die Zusammenarbeit war damals sehr spontan und ziemlich direkt. Später ist das etwas auseinandergedriftet, weil er eine andere Vorstellung von Musik entwickelt hat als ich. Er wollte Weltmusik machen, was mich gar nicht interessierte.

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