Frank Witzel „Direkt danach und kurz davor“ / Review

In Frank Witzels neuem Roman wird die heimelige alte BRD zur apokalyptischen Gemeinschaft, der die nächste Katastrophe schon bevorsteht. Direkt danach und kurz davor ist bei Matthes & Seitz erschienen.

Erinnern Sie sich an die Nachkriegszeit? Nein? Prima, dann geht es Ihnen wie dem Großteil der deutschen Bevölkerung. Umso verwunderlicher ist das eindeutige Narrativ von dieser Zeit: Ein allgemeiner Aufbruch, der die Schuldfrage quasi über Nacht klärte und Deutschland innerhalb weniger Jahre von einer rationalisierten Vernichtungsmaschine zur progressiven Republik machte. Synonym dafür: Begriffshülsen vom Wirtschaftswunder und der Stunde Null. Der spätere Exportweltmeister kam augenscheinlich ohne Wehen zur Welt – eine Sturzgeburt.

In Frank Witzels neuem Roman Direkt danach und kurz davor gibt es keine Wunder und auch keinen Aufbruch. Sein Deutschland nach dem Ende des NS-Terrors ist ein unwirklicher Ort irgendwo zwischen der berühmten „Zone“ aus Andrej Tarkowskis Film Stalker und einem real existierenden Krisengebiet. Rational ist hier wenig: Menschen verschwinden, Kinder gründen zwischen Trümmerbergen eine neue Religion und ein gewisser Siebert steht an seinem Fenster am Stadtrand und tariert sein Verhältnis zur Welt und seiner Lebensgefährtin Marga aus. Aber ist die überhaupt körperlich anwesend? Und diese mythifizierte Umgebung real?

Leicht könnte man dieses rund 550 Seiten umfassende Verwirrspiel als eine Art alternative Geschichtsschreibung der fröstelnden „BRD Noir“ verstehen, die Witzel 2015 mit dem Berliner Kulturwissenschaftler Philipp Felsch als Reaktion auf die wachsende Faszination der verunsicherten Gegenwart für die alte Republik rheinischer Prägung formulierte. Doch das griffe zu kurz: Nicht einmal die unablässig in inneren und tatsächlichen Dialogen aufgeworfene Frage nach dem, was eigentlich wirklich geschah, steht im Vordergrund.
Antworten liefert der Buchpreisträger von 2015 keine. Stattdessen ist die Frage das Seziermesser, mit dem sich Witzel durch den Torso der alten BRD wühlt. Altnazis als nationale Geburtshelfer? Kollektive Verdrängung? Unzuverlässigkeit des menschlichen Geistes? Durch Witzels Prisma wird die heimelige alte BRD zur apokalyptischen Gemeinschaft, der die nächste Katastrophe schon bevorsteht. Wie die aussieht? Man muss die Gegenwart nicht lange hinterfragen, um fündig zu werden. Stichwort: NSU.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here