Susanne Kennedy – Stück ohne Spieler

Foto: Julian Baumann

Nach Frank Castorfs Abgang wird die Berliner Volksbühne wenig überraschend Theater des Jahres, wirklich progressiv wäre die Auszeichnung für die Volksbühne Berlin im kommenden Jahr. Unter Neu-Intendant Chris Dercon könnte Susanne Kennedy die Chancen erhöhen. Ihre Inszenierungen sind Plastikkunst und bringen als solche das klassische Theater an seine Grenzen. Wahrscheinlich ist sie genau deshalb eine der gefragtesten Regisseurinnen des Landes.

Eventbude, Touristentreff, neoliberaler Ausverkauf – Schlagworte, die fallen, wenn es um die neue Volksbühne geht. Neu heißt in diesem Fall: Nach 25 Jahren wird der alte Kapitän Frank Castorf das Schiff am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz verlassen, und mit ihm der Großteil der Piraten wie René Pollesch oder Martin Wuttke. Stattdessen kommt im September Chris Dercon, ein international erfolgreicher Museumskurator. Seitdem tobt der Streit, und mittendrin: Susanne Kennedy.

Kennedy ist 40 Jahre alt und damit eine ungewöhnlich junge Regisseurin in der deutschen Theaterszene. Sie wird ab Herbst dem Künstlergremium der Volksbühne angehören. Und damit, meint sie, beginne schon das Problem. Alle wollten immer gleich feste Bezeichnungen. Wie nennt man das? Leitungsteam? Künstlerbeirat? Klingt elitär und bürokratisch. „Die große Chance ist, jetzt Strukturen neu denken und neue Formen finden zu können, während man arbeitet“, sagt Kennedy. „Statt schon vorher alles fest zu zementieren.“

Dass Susanne Kennedy jetzt diese Übergangsphase nutzen will, um Strukturen im Arbeitsprozess aufzubrechen, ist insofern eine konsequente Fortführung ihrer inhaltlichen Arbeit, weil auch ihre Stücke kaum klassische Theaterstücke sind. Ihre Figuren tragen Masken aus Wachs, benehmen sich im Bühnenraum wie ferngesteuert und bewegen nur automatenhaft die Lippen. Sie sprechen nicht, die Stimmen kommen vom Band. Es sind keine Schauspieler, die in eine Rolle schlüpfen, sondern Avatare in einer künstlichen Plastikwelt, die den Blick des Publikums zurückspielen. Identifikation ist hier ausgeschlossen. Damit hebelt Kennedy typische Theatermechanismen aus und verschränkt ihre Arbeit mit Performances und Installationen. Ihr Stück „Orfeo – eine Sterbeübung“ wurde folgerichtig auch nicht in einem Theater, sondern im Berliner Martin Gropius Bau gezeigt.

„Was ist denn bitte schlecht an einem Event?“

Für die erste Spielzeit an der neuen Volksbühne will Kennedy ihre feministische Arbeit „Hideous (Wo)men“ aus dem letzten Jahr weiterführen. Sie schreibt gerade an der Fortsetzung „Women in trouble“ – einer Heldinnenreise. Wobei sie es damit genau nimmt: „Ich schreibe nicht, ich stelle zusammen.“ Bücher, Psalmen, Songtexte, Filme, Schnipsel aus dem Netz – alles wird zu einer fluiden Textmasse zusammengemischt, bis Kennedy selbst nicht mehr weiß, wo was herkommt. Dann gibt sie die Fundstücke wieder bei Google ein, und eine Reise durchs Internet beginnt, bei der Anfang und Ende nicht mehr klar auszumachen sind.

Ausgerechnet auf der Frau, die das Theater immer weiter treiben will, lastet jetzt der Druck der Kritiker, die sagen, mit der neuen Volksbühne gehe das Theater zu Ende. Was entgegnet man dem? „Ständig am Alten festzuhalten und zu sagen, wir seien die ewige Avantgarde, die bis in den Tod weitermache, das ist doch absurd.“ Und die Eventbude? „Dieses Wort verstehe ich gar nicht“, sagt Susanne Kennedy. „Was ist denn bitte schlecht an einem Event?“

Dieses Feature ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 375 erschienen. Das Heft und weitere Back Issues können versandkostenfrei online bestellt werden. Ein ausführliches Interview mit Chris Dercon, dem neuen Intendanten der Volksbühne Berlin, ist in der aktuellen SPEX No. 376 zu lesen.

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