Hercules & Love Affair „Omnion“ / Review

Hercules & Love Affair laden auf Omnion zum ernsthaften Gespräch abseits der Tanzfläche. Wir müssen also wirklich reden? Na ja, okay. Weil wir so gute Freunde sind.

Hercules & Love Affair bewegen sich in ihrer eigenen Zeitschleife: Kaum ein anderer Pop Act weiß den Geist früherer Disco- und House-Tage so fulminant im Licht der Gegenwart neu zu imaginieren wie Andy Butler und sein wechselndes Kollektiv. Auf dem letzten Hercules-Album The Feast Of The Broken Heart von 2014 gaben voluminöse, dreckige Basslines und Acid-Gezwitscher den Puls vor, kein Jahr später folgte Butlers Solodebüt You Can Shine, eine stampfende 12-Inch-EP mit den Gospel-infizierten Vocals von Richard Kennedy.

Uplifting energy und deeper Sound sind auf Omnion nun deutlich zurückgenommen. Stattdessen beherrscht Introspektion das vierte Album des Projekts rund um den in Denver, Colorado groß gewordenen, in der New Yorker Clubszene sozialisierten und mittlerweile in Belgien ansässigen Butler. Omnion erzählt von Kontrolle, Vertrauen und deren Verlust, von Abhängigkeit und vom Schmerz der Selbstfindung. Dabei tritt einmal mehr Butlers narratives Können zutage – unterlegt von unterkühlten Bässen und scharrenden Synthies (die Italo-Disco-Helden Klein & M.B.O. lassen grüßen). „Are you still burning?“, möchte man da beinahe fragen. Doch dann blitzt wieder die tiefe Sehnsucht und Melancholie, die dem Disco-Spirit so eigen ist, hervor. Etwa in „Are You Still Certain?“, einer Kollaboration mit der libanesischen Indierock-Band Mashrou‘ Leila, deren Sänger Hamed Sinno als offen schwuler Muslim immer wieder die rassistischen und queer-feindlichen Politiken in der westlichen wie auch in der arabischen Welt kritisiert.

Dieses herkulische Prinzip queerer Kollektivität setzt sich auch auf Omnion fort: Zu den weiteren Mitstreitern gehören – neben Rouge Mary und Gustaph, die auch schon auf The Feast Of The Broken Heart zu hören waren – das isländische Schwesterntrio Sísy Ey (tolle Popnummer: „Running“), die New Yorker Singer-Songwriterin Sharon Van Etten (auf dem titelgebenden Stück „Omnion“) sowie The-Horrors-Frontmann Faris Badwan (düster-metallisch: „Controller“). Hercules & Love Affair suchen mit Omnion das Zwiegespräch ein bisschen abseits der Tanzfläche – aber mit der Clubmusik immer noch im Ohr. Wir müssen also reden? Okay. Weil wir gute Freunde sind.

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