Chastity Belt – Trotzdem weiterkotzen / Feature & Ticketverlosung

Chastity Belt aus Walla Walla, Washington haben Männern zuerst aus Promille- und dann aus Protestgründen in den Schoß gekotzt. Auf ihrem dritten Album I Used To Spend So Much Time Alone sind sie zumindest inhaltlich ausgenüchtert. Für die dazugehörige Tour dürfte das anders aussehen (pussy, weed, beer – wir erwarten das volle Programm). SPEX präsentiert und verlost Tickets. Gesprochen hat Jennifer Beck die Band bereits vor einem Jahr – und damals klang das so:

Gretchen Grimm hat keine Ahnung, wie sie hier gelandet ist. Wichtig ist nur, dass sie hier gelandet ist. Die 25-Jährige bürstet die Becken bei Chastity Belt, einer Post-Party-Partyband aus Seattle, deren Sound ein Echo der Riot-Grrrl-Bewegung sein könnte und der heutigen Zeit somit um 25 Jahre hinterherhinkt. Grimm weiß auch nicht, warum. Sie glaubt an Bier, nicht an Erklärungen, und sie gibt vor, noch nie Kathleen Hanna gehört zu haben, weil sie noch nie von Kathleen Hanna gehört hat. Dass sie und ihre College-Kolleginnen den Eindruck machen, sie hätten nie etwas anderes getan? „Einfach so passiert“, sagt Grimm. Ihre Täuschungsmanöver rasseln durch den Realitätscheck. Denn Zufall spielt keine Rolle im Musikbusiness. Sonst wären seit dem Bikini-Kill-Manifest Revolution Girl Style Now! sicher schon einige Frauenbands mehr einfach so passiert.

„Klar, Punk.« Aber Studieren sei eben auch wichtig, glaubt Grimm. Und klar, sie ist wegen Grunge nach Seattle gezogen, und weil das mal riot war. „Aber eigentlich, weil es nicht weit von der Uni entfernt lag und eine Freundin der Schwester unserer Bassistin dort den ersten Gig von Chastity Belt organisiert hat.“ Just happened. Wie der Feminismus, der in der vordergründig sorgenfreien Rockmusik der Band anklingt. Nicht mal der größte Märchenonkel würde erzählen, dass der Keuschheitsgürtel in Steak-Form, der auf einem Promobild vor der Vagina von Sängerin Julia Shapiro baumelt, einfach zufällig dort baumelte, als der Fotograf den Auslöser drückte. Grimm zieht diese Version trotzdem durch. Naiv ist sie nicht, wir kennen ihre Lieder. Aber vielleicht gehört immerhin das mit dem #CoolSlut, unter dem tausende Mädchen inspiriert vom gleichnamigen Song auf dem aktuellen Chastity-Album Time To Go Home gegen Slutshaming mobil machen, tatsächlich zum unverhofften Teil der Geschichte.

Zufall spielt keine Rolle im Musikbusiness. Sonst wären seit dem Bikini-Kill-Manifest Revolution Girl Style Now! sicher schon einige Frauenbands mehr einfach so passiert.

Sind Chastity Belt also eine Band, die auch millionentauglichen R’n’B machen könnte, wenn ihr die Gitarrenmusik nicht einfach so passiert wäre? „Das ist zu simpel“, sagt Grimm – um dann zu erklären, warum sie dennoch empfänglich ist für die Botschaften der Chartspop-Größten. „Ich bin als weißes Mädchen mit der uncoolsten Musik im uncoolsten Ort von ganz Michigan aufgewachsen. Und ich habe Hörsäle von innen gesehen. Natürlich bin ich also privilegiert. Die meisten Leute haben aber noch nie von Gleichberechtigung gehört. Wenn Beyoncé denen eintrichtert, dass Feminismus eine coole Sache ist, darf sie das auch im Bikini tun.“

Der Zweck heiligt die Mittel? Time To Go Home beweist, dass es auch andersherum geht. Die Platte ist das „Sixteen Going On Seventeen“ vierer Dauerdurstiger, die Männern zunächst aus Promille- statt aus Protestgründen in den Schoß kotzten. Bis sie ausnüchterten – und es trotzdem weiter taten. 60 Jahre nach der Sound-Of-Music-Weisheit „Your life, little girl, is an empty page / That men will want to write on“ ist der nächste fiese Typ bei Chastity Belt „just another man trying to teach me something“. Nicht mehr im Shit-happens-Duktus ihres Debüts No Regrets. Ab jetzt wird hart gezweifelt: „Is it cool not to care?“ Weil eben nichts einfach so passiert. Und Chastity Belt am Ende mehr Beyoncé sind als gedacht. Selbst wenn Gretchen Grimm keine Ahnung hat, wie ihre Band dort gelandet ist.

SPEX präsentiert Chastity Belt
16.09. Köln – King Georg
17.09. Berlin – Lido

SPEX verlost 2×2 Tickets für das Konzert von Chastity Belt am 17.09. in Berlin. Zur Teilnahme einfach eine Mail mit vollständigem Namen sowie dem Betreff „Chastity“ an gewinnen@spex.de senden.

Dieser Text ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 367 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

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