Magical Mystery – Filmfeature zum Kinostart

Detlev Buck spendet Trost: unterwegs mit den Meerschweinchen-Ravern auf Magical-Mystery-Tour.
Detlev Buck spendet Trost: unterwegs mit den Meerschweinchen-Ravern auf Magical-Mystery-Tour.

War die Rave Culture im Grunde Rock’n’Roll, nur ohne Antidepressiva? Regisseur Arne Feldhusen hat die Antwort. Er macht aus Sven Regeners bis dato letztem Roman ein großes Gesellschaftspanorama in Neonfarben und mit viel schönem Um-z-um-z.

Als vor vier Jahren sein Abenteuerroman Magical Mystery erschien, war es Sven Regener wichtig, klarzustellen, dass es sich dabei nicht um einen Schlüsselroman zum Thema Techno handele wie etwa bei Rainald Goetz’ Roman Rave. Aber wie alles, was aus dem Hause Regener kommt, sind die Details der (Sub-)Kultur so gut getroffen, dass allein das authentische Techno-Arrangement schon einen unterhaltsamen Film ergeben hätte: die quietschbunten Jacken, der androgyne Geist, das fast kindliche Gemüt der Raver, das zum Beispiel anhand einer ernsthaft fürsorglichen Meerschweinchenbetreuung seinen Ausdruck findet. All das fühlt sich wie eine Zeitreise an: Ach, so sahen die damals aus!

Ach, so sah der aus! Charly Hübner alias Karl Schmidt bei der Toilette für den großen Auftritt.
Ach, so sah der damals aus! Charly Hübner alias Karl Schmidt bei der Toilette für den großen Auftritt.

Zur Verfilmung des Romans von Regisseur Arne Feldhusen (Stromberg) passt kongenial die von Ex-Ladomat-Labelchefin Charlotte Goltermann ausgewählte Musik: Miss Kittin, Egoexpress, Westbam. In den Linernotes erinnert die Ideologin der elektronischen Musik daran, dass „Elektronik, Rave, House“ den Leuten damals „unheimlich“ war. Da darf natürlich der Whirlpool-Klassiker „From: Disco To: Disco“ nicht fehlen, der wie ein Motto im Abspann läuft. Denn in diesem Roadmovie zieht eine wilde Rave-Rasselbande tatsächlich im Kleinbus von Disco zu Disco. Dabei glänzt der Film auch durch seine Hippie-Anleihen an die Sechziger, die man gerade jetzt so gut gebrauchen könnte: freedom, love – und eine in keinster Weise skandalisierte sexiness.

Die Hippies der Neunziger, kurz vor der kollektiven Erleuchtung
Die Hippies der Neunziger, kurz vor der kollektiven Erleuchtung.

Aber Magical Mystery ist kein Rave-Musical, sondern in erster Linie die Geschichte von Karl Schmidt: Es geht um dessen verzweifelten, wenn auch lässig verdrängten Versuch, nicht wieder in eine Psychose zu geraten, den er ziemlich lange vor den Augen aller Beteiligten (und beinahe vor sich selbst) verborgen hält. Diese Angst dennoch sichtbar zu machen, ist eine der subtilen Stärken des Films und seines Hauptdarstellers Charly Hübner. Wenn etwa das Geraschel der Meerschweinchen zu unerträglichem Krach in Schmidts Kopf wird, vor dem er sich gerade noch in den Straßengraben retten kann.

Auch die Anfangsszenen aus der Drogentherapie-WG, in der Schmidts Leben stillzustehen scheint, wirken beim Zuschauen noch lange nach. So sieht man den Held als Hilfshausmeister beim Füttern eines Krokodils: Zuerst rührt es sich nicht, dann schnappt es urplötzlich zu. Und Karl Schmidt sagt den berührenden Satz: „Manchmal bewegt sich einer nicht, aber deshalb ist er noch lange nicht tot.“

Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Deutschland 2017
Regie: Arne Feldhusen
Mit Charly Hübner, Detlev Buck, Annika Meier u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 376 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann. Ein Text zu Sven Regeners Roman Magical Mystery ist in SPEX No. 348 erschienen, ein ausführliches Gespräch von Regener mit Oliver Polak über Kunst als Antidepressivum in SPEX No. 356.

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