Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“ / Review

Es geht bergab: Nicht nur mit dem Protagonisten aus Virginie Despentes‘ Das Leben des Vernon Subutex, auch die französische Gesellschaft beschreibt die Autorin als xenophob, frauenfeindlich und egomanisch. Der erste Teil der Romantrilogie ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Das Leben des Vernon Subutex beschreibt den unaufhaltsamen Weg des Plattenverkäufers Vernon nach unten. Beziehungsweise oben, denn am Ende des ersten Romanteils sitzt er als Penner auf den Hügeln von Paris und schaut auf die Stadt, die ihn ausgespuckt hat. Zu Beginn scheint Vernons Lage zwar schwierig, aber noch handelbar: Sein Laden ist geschlossen, er selbst ein paar Mieten im Rückstand – alles halb so schlimm, erst mal ignorieren, nichts, was nicht anderen schon passiert wäre. Der coole einsame Wolf greift auf frühere bewährte Strategien zurück, doch diesmal wird es richtig ernst. Das System zeigt „normale Härte“ bis zum vorläufigen bitteren Ende, siehe oben. Mithilfe eines brüchigen Konstrukts aus Facebook-Kontakten und fadenscheinigen Lügen hangelt sich Vernon eine Weile durch die Wohnungen ehemaliger Freundinnen und Weggefährten, doch es gibt kein Netz, das ihn hält: Um Vernons Abstieg herum entwirft Virginie Despentes, Autorin von Baise-moi und Apocalypse Baby, ein vielgestaltiges Panoptikum aus koksenden Aufschneidern, prügelnden Ex-Rockmusikern, toten Popstars, Pornodarstellerinnen, Transsexuellen, verzweifelten Müttern und Obdachlosen, deren Lebensläufe lose mit Vernon verknüpft sind, aber eigene Geschichten erzählen – nicht immer leicht zu ertragen: Themen wie Hass auf Einwanderer, Wege des Drogenhandels oder Gewalt gegen Frauen stehen unverbrämt und unkommentiert nebeneinander. Despentes zeichnet ein teilweise hässliches, dabei höchst realistisches Bild französischer und damit europäischer Gegenwart, das Vernon Subutex schon Vergleiche mit Balzacs Menschlicher Komödie eingebracht hat. Doch so weit will Despentes wohl selbst nicht gehen: Subutex ist als Trilogie angelegt.

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