Circuit Des Yeux – Der Hunger deines Fleisches

Gegen Haley Fohr hat Chelsea Wolfe Kreide gefressen. Im August kommen sie und ihre Stimme für die Reihe Commissioned Works zum Pop-Kultur Festival nach Berlin. Das komplette Feature aus SPEX No. 363 ist aus diesem Anlass nun online zu lesen.

Ich habe Angst vor diesem Album. Es ist zu groß. In Plain Speech breitet sich aus. Das ist bemerkenswert, weil seine Macherin, Haley Fohr, oder Circuit Des Yeux, 26 Jahre alt, 26 Jahre Außenseiterin, geboren in Lafayette, Indiana, verwurzelt nirgendwo, schwer daran arbeitet, so wenig Raum wie möglich einzunehmen. Ihre Konzerte setzen um, was Laurie Penny in ihrem Buch Meat Market als größte Niederlage des Feminismus bezeichnet:„Täglich wird uns klar gemacht, dass wir hungriger, schlampiger, hässlicher, bedürftiger, ärgerlicher, mächtiger und weniger perfekt sind, als wir sein sollten. Es ist viel mühsamer, dieser Kultur des Kritisierens und der daraus folgenden Herabsetzung des Selbstwertgefühls die Stirn zu bieten, als die Scham darüber einfach wegzuhungern.“

Nun hungert Fohr nicht. Aber sie wäre gern, was hinter dem Symptom steckt: weg. „Ich möchte nur den Gesang liefern“, sagt sie, „während jemand anders den Star gibt. Ich möchte mich vor ihnen verstecken.“ Fohr spricht mit der Baritonstimme, die sie hasst, über das Publikum, das sie als respektlos empfindet. Nun verlangt aber ihr Beruf, dass sie mit dem Vortrag ihrer Stücke eben jenes beglücken soll, selbst wenn Fohr ihre Musik zunächst für „ein komplettes Desaster“ hielt. Also zieht sie sich an den hintersten Bühnenrand zurück, die Jalousie aus Strähnen vor dem Gesicht, den Gitarrenbauch panzergleich in Stellung gebracht, als wolle sie, wie Penny schreibt, „sich selbst verschwinden lassen.“

„Lange Zeit war mein Antrieb: ich gegen den Rest der Welt. Jetzt möchte ich Hallo sagen. Und verdammt, ich habe Angst davor.“

Klappt nicht. Haley Fohr ist da, weil ihre Stimme da ist. Gegen sie hat Chelsea Wolfe Kreide gefressen. Ihr Vibrato klingt auf vitalisierende Weise ungesund, sie stottert und zischt, dehnt, überdehnt, hackt, zerhackt, bedient sich jeder Spielart des Abstoßes. Absurderweise, um damit das Gegenteil zu erreichen. „Lange Zeit war mein Antrieb: ich gegen den Rest der Welt. Jetzt möchte ich Hallo sagen. Und verdammt, ich habe Angst davor.“

Was für Fohr ein Andockalbum ist, ist für alle anderen die Kontaktanzeige, die keinen Kringel bekommt – nichts wird verheimlicht oder beschönigt. In Plain Speech ist der Kneipenbesuch, für den Fohr nie mutig genug war, der College-Exzess der anderen, die Tür, die während der Aufnahmen in ihrer Sechser-WG mit Kissen verbarrikadiert wurde, die Klospülung, die niemand betätigen durfte, damit keine Störgeräusche auf Band landen. Kurz: Fohr lässt locker. Sie hat die Kontrolle verloren und die Erfahrung gewonnen, dass neben Geräuschen auch Cooper Crain oder Adam Luksetich durch die geöffnete Tür in ihr Schlafzimmer kamen. Männer also, und Freunde, und überdies Chicagos progressivste Musiker, die dafür sorgten, dass Circuit Des Yeux nicht mehr nur der Gesang ist, zu dem eine imaginäre Frau im Bikini tut, was Fohr als „hypersexualisierte, widerlichste Ausdrucksform im Weißwurst-dominierten Rockmusikzirkus“ verurteilt: eine Show abziehen.

In Plain Speech ist das Ergebnis der Genesung, die Penny ein paar Seiten und ein halbes Leben später beschreibt: „Du musst dich selbst davon überzeugen, dass du einen Platz auf der Welt verdienst, und außerdem die ganze Unordnung, den Hunger deines Fleisches, deines Geistes, deine Lust und deinen Ehrgeiz aushalten.“ Haley Fohr hat sich selbst geheilt mit Musik, die alles andere als healthy klingt. Und ich habe Angst mit Respekt verwechselt.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX No. 363 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden. 

Circuit Des Yeux
23.–25.8. – Pop-Kultur Berlin
Alle Informationen und Tickets gibt’s hier.

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