Let’s Eat Grandma – Im Zweifel Tim Burton

Mit ihrem CocoRosie-in-mind-Projekt Let’s Eat Grandma flüchten die twins in mind Rosa Walton und Jenny Hollingworth aus der Hauptstadt der Langeweile. Für ihr Konzert beim Pop-Kultur Festival in Berlin kehren sie Norwich nun nicht nur in Gedanken den Rücken – das komplette Feature aus SPEX No. 369.

Donnerstagmittag auf dem Redaktionsfensterbrett: Natürliche Auslese, Turmfalken-Style. Das Schnäbelchen blutverschmiert, dazu Metzelmusik von Let’s Eat Grandma. „My cat is dead / My father hit me / I ran away / I’m really hungry“, keifen zwei 17-Jährige, CocoRosie-Style, zwischen kindlicher Klimperei und amtlicher Klavierorgie. Der Track heißt „Rapunzel“. Statt Haaren hagelt es Federn und Fluchtgedanken: „I’m not having fun in this fairytale.“

Seien wir ehrlich: Die Wahrheit ist das halbe Märchen. Der Vogel hat den Vogel verputzt (drei Redaktionshandys sind Zeugen), aber Let’s Eat Grandma liefen nicht dabei. Es hätte nur zu gut gepasst. Denn die Zwei-Mädchen-Band aus Norwich (35 mittelalterliche Kirchen zu Spitzenzeiten, Wappentier: Kanarienvogel) legt auf ihrem Debütalbum I, Gemini zehn ziemlich geniale Variationen des Szenarios vor, das ihr ziemlich bekloppter Projektname suggeriert: Simpsons’ Sherri und Terri Mackleberry beim Kannibalenschmaus. „Horrorfilme sind unser Ding, weil die Handlung voll unerwarteter Wendungen steckt“, findet Rosa Walton eine treffende Analogie für den multiinstrumentalen Geisterbahnpop der Zwillingsgleichen, die sich zwar nicht das Genom, aber immerhin Frisur und Hirngespinste teilen seit sie vier Jahre alt sind. „Jenny und ich waren immer einer Meinung“, rekapituliert sie. „Bis auf dieses eine Mal, als ich aus Rache in ein Glas gepinkelt und ihr weisgemacht habe, es sei Apfelsaft. Das ist das Geheimnis unserer Freundschaft: Wir haben keine Angst vor Auseinandersetzungen.“

„Das musikalische Erbe zu kennen, ist hilfreich. vor allem, um damit brechen zu können.“

Bitter schmecken auch die Einsichten auf I, Gemini, das als Ergebnis eines Schulprojekts für Walton und Jenny Hollingworth Abschluss im doppelten Sinne bedeutet. Es ist nicht nur ein Best-of der Coming-of-Age-Klassiker Dschungelbuch, Alice im Wunderland und Marilyn Manson. I, Gemini ist vor allem das staatlich anerkannte Zeugnis einer Kleinstadtjugend zwischen vorgegaukeltem Säkularismus und gelebtem Hinterwäldlertum. Walton und Hollingworth haben wie der Großteil ihrer Mitschülerinnen nie eine der zahlreichen Kathedralen im Ort von innen gesehen. Ihr Fluchthorizont aus der provinziellen Engstirnigkeit waren weder Begegnungen mit Gott noch mit anderen Menschen. In Norwich hatte man einander, darüber hinaus das Internet. „Dass unsere Generation zunehmend online lebt, weicht die Grenzen auf – auch die musikalischen“, meint Walton, um wie zum Beweis Bowie, Debussy und Jackson in eine Reihe zu stellen und zumindest zwei Gemeinsamkeiten auszumachen: tote Wunschkollaborateure. „Das musikalische Erbe zu kennen, ist hilfreich“, meint sie noch, „vor allem, um damit brechen zu können.“

Vielleicht haben 17 Jahre Überlebenstraining in der Hauptstadt der Langeweile den Größenwahn getriggert, den es braucht, um ein Dutzend Instrumente (darunter Mandoline, Saxophon, Logic Pro X und Spielzeugwecker in Hühnchenform) zu lernen und in einem Ex-Atomschutzbunker aufzunehmen. Vielleicht waren es Jungs, die einem sagen, dass man viel zu vernünftig sei, um Schlagzeug zu spielen, oder die Repressalien eines Bildungssystems, „das gleichzeitig Privileg ist und einen in Ketten legt“. Im Zweifelsfall war es Tim Burton, der Let’s Eat Grandma einen Plattenvertrag eingebracht hat. Und den Termin beim Direktor wegen interviewbedingtem Schuleschwänzen.

Dieser Text ist wie viele weitere Features und Interviews in der Printausgabe SPEX No. 369 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

Let’s Eat Grandma live 
24.08. – Pop-Kultur Berlin
Alle Informationen und Tickets gibt’s hier.

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