The Jesus And Mary Chain: Gott segne die Shoegaze-Früchtchen / Tour

Foto: Steve Gullick

Sie waren ungefähr die Letzten, die den mausetoten Rock’n’Roll wiederbelebten, einst, Mitte der Achtziger. 18 Jahre nach ihrem vermeintlich letzten Mucks veröffentlichen sie jetzt neue Musik: Die Brüder Jim und William Reid aus der desolaten schottischen Kleinstadt East Kilbride verpacken wieder süße Bubblegum-Melodien in beißendes Feedback-Geheul. Viele junge Bands klingen heute ganz ähnlich wie The Jesus And Mary Chain, nur nicht so überzeugend: Als wäre die Thatcher-Ära nie zu Ende gegangen. Mit ihrem neuen Album Damage And Joy gehen die Reids nun auf Tour – SPEX präsentiert.

Alan McGee kennt den Vermarktungswert von Brüderpaaren, die in Rockbands spielen und sich streiten. Etwa ein Jahrzehnt, bevor der Gründer des in den Achtziger- und Neunzigerjahren äußerst einflussreichen Indie-Labels Creation Records Noel und Liam Gallagher einen Plattenvertrag anbot, der seine Firma binnen Kurzem sanierte, fand McGee im Hinterzimmer eines Pubs im Zentrum Londons zwei Brüder vor, die sich gerade gegenseitig an die Gurgel gingen. Noch vom Korridor aus hatte McGee gehört, dass die beiden nur sehr schlecht Gitarre spielen und singen konnten, dabei aber jede Menge schmerzhaften Rückkopplungskrachs produzierten. Dieser erste kurze Gesamteindruck veranlasste ihn, Jim und William Reid alias The Jesus And Mary Chain sofort unter Vertrag zu nehmen und gleich noch ihr Manager zu werden.

So jedenfalls berichtete es anderthalb Jahrzehnte später Jim Reid einem britischen Musikjournalisten. Im Jahr 2017 sitzt man ihm anlässlich des ersten Jesus-And-Mary-Chain-Albums seit 18 Jahren gegenüber und empfindet ihn nicht sofort als jemanden, der gerne mit anderen aneinandergerät. Er beantwortet mit leiser Stimme Fragen, die ihm gewiss nicht neu sind, höflich, doch nicht überschwänglich, weder einsilbig noch ausufernd. Doch gelegentlich braust er ganz leise auf, und seine Augen flackern, besonders, wenn es um Stichworte wie Punkrock und Attitüde geht. Falls ihn denn jemand fragte, würde er jungen Bands von heute raten, mit ihrer Musik „andere ins Auge zu pieksen“.

Dass Rockmusik nicht mehr zu provozieren vermag oder dies auch längst nicht mehr versucht, ist bekannt. Diese An- beziehungsweise Einsicht ist mindestens so alt wie diese Zeitschrift – die ihrerseits ungefähr so alt ist wie The Jesus And Mary Chain. Letztere schafften es trotzdem, mit ihrem 1985 erschienenen Debütalbum Psychocandy kurzzeitig den bereits Ende der Siebziger totgesagten Rock’n’Roll wiederzubeleben. Das Album schien einem einfachen Plan stringent zu folgen: Primitive Bubblegum-Lieder mit Hall, permanent beißenden Gitarrenrückkopplungen und weißem Rauschen zu belegen. Sonst passierte nicht viel.

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