Dümmer als vorher: Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ / Feature

Jakob Noltes zweiter Roman Schreckliche Gewalten ist die längste fake news der Welt. Obwohl: Inmitten der Hyperreferenzialität gibt es auch Wahrheiten – man muss sie nur finden.

Eines Nachts, als der Mond voll am Himmel steht, verwandelt sich Hilma Hornik in einen Werwolf und beißt ihrem Gatten den Nacken durch. Für die beiden Kinder Iselin und Edvard ist diese bestialische Metamorphose der Beginn einer langwierigen Odyssee, die wie so oft auch gleichzeitig eine Flucht ist: vor der Belanglosigkeit des Seins, vor dem lähmenden horror vacui und natürlich auch ein bisschen vor den Monstern, die in jedem schlummern.

„Ich suche immer nach allem Lebendigen“, sagt Jakob Nolte und rührt in seinem tiefschwarzen Kaffee. „Das wird oft falsch verstanden als eine Suche nach Rausch, dabei bedeutet es das Gegenteil.“ Der im niedersächsischen Barsinghausen geborene Nolte hat die Geschichte geschrieben, die von Hilma und ihren Kindern erzählt, und tatsächlich ist die Verwandlung zum Tier der größte Rauschmoment in Schreckliche Gewalten. Der Entmenschlichung stehen aber immer Zustände gegenüber, in denen die Protagonisten Momente sehr bewusst erleben. In Noltes zweitem Roman bedeutet das Bewusste aber auch immer maximale Ausreizung: Die Ausschweifung ist Programm, das Detail wird zum Schönheitsprinzip. So erklärt Nolte etwa mit höchster Sorgfalt, was ein Schweifstern ist (Komet mit einem Schweif aus Gas, der mehrere 1000 Kilometer lang werden kann), oder wie Pervitin, der Markenname von Methamphetamin, in den Vierzigerjahren als Kriegsdroge eingesetzt wurde. Inmitten wahnwitziger Handlungsschleifen und rhizomatisch verwobener Assoziationsketten steht Enzyklopädisches neben Poesie, stehen Terror und Sexorgien neben den Sehnsüchten gepeinigter Herzen.

Nolte vermischt die Vergangenheit mit Möglichkeiten der Gegenwart.

Erste literarische Sporen verdiente Jakob Nolte sich mit dem Verfassen von Theaterstücken. Dass ihm die Mittel der Improvisation und des automatischen Schreibens im Geiste André Bretons liegen, kommt also nicht von ungefähr. Virtuos fragmentiert, zersägt und schichtet der 29-Jährige Ungleichartiges, vermischt die Vergangenheit mit Möglichkeiten der Gegenwart, stellt Referenzen aus Mythologie, Wissenschaft, klassischer Literatur, Popkultur und Geschichte gegeneinander und lässt sie miteinander funktionieren. So merkt man, abgelenkt von all der Hyperreferenzialität, beinah gar nicht, dass Nolte auch flunkert. „Ich wollte ein Buch schreiben, nach dessen Rezeption die Menschen dümmer sind als vorher“, erklärt er. „Man soll es lesen und danach weniger wissen.“ Es ist also ratsam, sich auf keins der so großzügig angebotenen Details in Schreckliche Gewalten zu verlassen: Weder Haiti noch Portugal waren jemals sozialistische Staaten, und die Bedeutung für Karmesin kommt auch nicht vom somalischen Wort für Scharlachbeere, sondern aus dem Arabischen. Auch wenn es den Anschein erweckt, belehren will Nolte seine Leser nicht, sondern sie viel lieber in einen Dialog verwickeln – und bestenfalls zum Googeln animieren: „Mein Buch ist ein bisschen wie Browsen. Nur dass die 18 offenen Tabs direkt nebeneinander abgebildet sind, und dazwischen eine Menge falscher Informationen kursiert.“

Schreckliche Gewalten ist bei Matthes & Seitz erschienen. 
Dieser Text entstammt SPEX No. 375. Das Heft kann hier versandkostenfrei bestellt werden.

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