„Alessandro Cortini hat hier geweint“ – Berlin-Atonal-Direktor Laurens von Oswald im Interview

Foto: Camille Blake & Helge Mundt

Das Kraftwerk, in dessen Kellern sich der legendäre Berliner Club Tresor Berlin befindet, ist ein Spielraum für experimentelle Klassik und Sound-Art, Pop und Techno sowie neue Formate für visuelle Kunst. Dafür stehen mehrere Ebenen und fast 8000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Der größte Saal ist 100 Meter lang und 20 Meter hoch – das Gebäude müsste also eigentlich ein akustischer Flop und ein Alptraum für Tontechniker sein. Jedes noch so feine Geräusch wird von den Betonwänden und Stahlkonstruktionen reflektiert, Echos hallen hier fünf bis acht Sekunden lang und es gibt kaum abschirmbare Räume. Trotzdem wird das Kraftwerk immer wieder Raum für einmalige akustische Erlebnisse  – man muss nur den „Sweet Spot“ finden. Laurens von Oswald, Musikproduzent und Direktor des im Kraftwerk stattfindenden Berlin Atonal Festivals, dessen Geschichte bis ins Jahr 1982 zurückreicht, hört gerne mal von der Kranbrücke aus zu. SPEX sprach mit ihm im Vorfeld des Festivals über Emotionen in der Echokammer, den Charakter eines Raumes und Musik zum Heulen.

Das Kraftwerk ist zwar optisch imposant, aber akustisch sicher ein Alptraum.
Geht man nur einmal durch „die Kathedrale“ hindurch, merkt man sofort, dass sie keine akustische Balance hat. In verschiedenen Ecken hört man dasselbe jeweils ganz anders. Aber wir kennen den Raum sehr gut und bespielen ihn sehr bewusst. Wenn man mit einem Nachhall von fünf bis acht Sekunden arbeitet, sind das natürlich keine Studiobedingungen. Als Studio wäre es ein absoluter Alptraum, ja. Würde man hier viel Rhythmus spielen, wäre das auch sehr schwierig. Der Raum hat einen ganz eigenen Charakter – er ist wie eine große Kirche.

Der Chor Graindelavoix klingt hier zum Beispiel wunderbar.
Ja! Und wer hätte das gedacht, als man hier dieses Kraftwerk gebaut hat? Der Raum ist natürlich eine Herausforderung, aber auch unsere Leidenschaft. Es gibt hier so viele verschiedene Räume, so viele Ecken und Nischen, darin sammelt sich der Sound.

Wie in einer Echokammer?
Eher nicht, denn er verschwindet dann auch gleich irgendwohin. Flatterechos haben wir hier glücklicherweise nicht. Das alte Kraftwerk ist infrastrukturell noch immer mit der Umgebung verbunden. Der Klang könnte sich in all den Rohren und Schächten verlieren. Welche davon offen oder geschlossen sind, und wo sie sich verlieren, wissen wir nicht. Es ist schon alles ein bisschen wild hier. Und die Dimensionen sind einfach extrem – die Höhe und Weite des Gebäudes.

Foto: Camille Blake & Helge Mundt

Welche Beschallungstechnik wird eingesetzt?
Wir arbeiten mit der Standard-Beschallungstechnik, die auch in Stadien verwendet wird. Die Form der Lautsprecheraufstellung nennt man „Line Array“ – die Lautsprecher werden übereinander gestapelt und dann in Form einer Banane gehängt. Die Lautsprecher hängen sehr hoch, um den 100 Meter langen Raum in seiner ganzen Tiefe zu beschallen. Und wir haben Partner, die hier 3D-Modelle über die Bewegungen des Sounds erstellen.

Welches sind denn Ihre persönlichen „Sweet Spots“?
Es gibt einen Geheimtipp: oben auf der Kranbrücke.

Foto: Camille Blake & Helge Mundt

Sie meinen, dort oben in 20 Meter Höhe?
Ja. Aber man darf da eigentlich nicht hin.

Aber Sie sind manchmal trotzdem dort?
Ja, aber sehr selten – wenn es mir mal ganz gut geht. (lacht)

Was hören Sie da?
Dort hört man echt alles. Da oben kommen alle Reflexionen an. Man erlebt den Raum so richtig mit. Natürlich ist es nicht der beste Ort, um die Musik so zu hören, wie sie klingen sollte. Aber man hört die Akustik des Raums selbst. Man hört die Klänge zeitlich versetzt – wie sie an den Wänden reflektieren und dann erst später in den Ohren ankommen. Das ist eine ganz andere Erfahrung.

Foto: Camille Blake& Helge Mundt

Mit welcher Musik oder Installation hatten Sie hier Momente, die Sie so richtig berührt haben?
Davon gibt es einige. Zum Beispiel hat Alessandro Cortini hier 2015 und 2016 zum Atonal gespielt. Da bekam man Gänsehaut, auditiv war es ein Wahnsinnsereignis. Er ist ein Künstler, der den Raum versteht und die Idee hinter dem Festival. Er hat seine Performance für diese Auftritte entwickelt – es waren Uraufführungen. Auf dieser riesigen Leinwand beim Atonal 2016 hat er Familienvideos projiziert, die er im Archiv seines verstorbenen Großvaters entdeckt hat und dazu extrem berührende Ambient-Musik komponiert. Das hatte eine große emotionale Kraft und war wirklich ein Meilenstein, ein harmonisches Zusammenkommen von Mensch, Musik, Bild und Raum.

Ich habe während dieses Konzertes geweint.
Ich auch. Und Alessandro hat auch geweint.

Berlin Atonal
16. – 20.08. Berlin – Kraftwerk

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