Arcade Fire „Everything Now“ / Review

Ist Everything Now, das fünfte Album der kanadischen Nicht-mehr-so-ganz-Indieband Arcade Fire, nun clevere Konsumkritik? Oder nur ein mittelmäßiges Album mit zu groß geratenem konzeptuellen Überbau? Fazit: beides. Aber es schadet auch nicht, es jetzt immer und überall zur Verfügung zu haben.

Nur wenige Bands haben das Pathos so gepachtet wie Arcade Fire. Doch was passiert mit den großen Gefühlen, wenn sie medial permanent abrufbar sind? „Every song that I´ve ever heard / Is playling at the same time, it´s absurd“, sinniert Win Butler im Titeltrack von Everything Now, dem fünften Album der Band. Keine Frage, es geht Butler dabei auch um die Entzauberung von Pop im Zeitalter des Streamings. Alles ist überall jederzeit verfügbar, zumindest gefühlt. Wie reagiert eine klassische Albumband wie Arcade Fire auf diesen Auraverlust? Zuletzt mit überraschend viel Ironie: Auf Twitter posierten die Kanadier etwa auf Eimern der Eiscrememarke Ben & Jerry´s, das buchstäblich weltumspannende Albumlogo findet man auf Jogginghosen, Fidget Spinnern und sogar Kochtöpfen platziert.


Dabei steckt in „Everything Now“ dem Song explizite Konsumkritik: „And every room in my house is filled with shit I couldn´t live without“, gesteht Butler. Zum nostalgischen, beinahe kulturkonservativen Text sampeln er und Régine Chassagne allerdings eine fröhliche Hook von Francis Bebey, bearbeiten eine Panflöte und setzen auf den Charme eines Abba-Klaviers. Bei „Creature Comfort“ verhält es sich hingegen anders. Der schrill-sperrige Synthie-Stampfer thematisiert die mentalen Abgründe einer Jugend, die sich die homomorphe Werbewelt zum Vorbild nimmt und an ihr schließlich zugrunde geht. Hier wird das Pathos zur Gefahr: „She dreams about dying all the time / She told me she came so close / Filled up the bathtub and put on our first record“. Wir erinnern uns: Das Debüt der Band heißt Funeral.

Als hätte die Band dem eigenen Pathos den Finger zeigen wollen.

Mit dessen Sound zwischen Rock und großer Geste haben Arcade Fire 2017 kaum noch etwas gemeinsam. Lediglich das zweiteilige „Infinite Content“ übt so etwas wie die modernisierte Version kantigen Garagenrocks. Everything Now hingegen ist ein klanglicher Hybrid. Das ist auch den Produzenten Thomas Bangalter von Daft Punk sowie Steve Mackey von Pulp zu verdanken: Das verspielte „Signs Of Life“ lässt wohldosierten Funk zu, während das bassdominierte „Good God Damn“ eher Reminiszenz an die Talking Heads ist. Im cleveren „Electric Blue“ klingt Chassagne im Falsett hingegen wie Björks Gesangslehrerin. Trotzdem: An die Mystik und Intensität des Vorgängers wird Everything now nicht anknüpfen können. Wer Arcade Fire jedoch fortan als Stadionband abtut, liegt ebenso falsch. Kolossal überproduziert sind die Arrangements nämlich an keiner Stelle.


Kein Wunder, erzählt das für Bandverhältnisse eher reduzierte „We Don´t Deserve Love“ doch gerade von medialer Übersättigung. Irgendwie konsequent also, dass der Streicherabspann von Everything Now ein abruptes Ende findet. Arcade Fire ziehen den Stecker. Fast scheint es, als hätte die Band dem eigenen Pathos den Finger zeigen wollen. Oder ist der Cut am Ende als Cliffhanger zu verstehen? Das nächste Album wird Aufschluss geben. Bis dahin ist man insgeheim froh, dass Arcade Fire überall und jederzeit abrufbar sind.