Laibach „Also sprach Zarathustra“ / Review

Laibach sind zu clever für Provokationen: kein Plädoyer für die Umwertung aller Werte, keine Feier des Willens zur Macht, keine Peitsche fürs Weib.

Bei Laibach ist es ähnlich wie bei Bob Dylan: Die Erwartungen der Fans müssen fast enttäuscht werden. Spectre erregte 2014 Aufsehen, weil die ansonsten doppelbödig-ironische Laibach-Kunstmaschine auf einmal recht eindeutig mit politisch korrekten Aussagen daherkam: Nicht nur in „Whistleblower“ als Hymne auf Snowden, Manning und Co. als moderne Helden, sondern auch im – ja allzu berechtigten –Wehgesang „Europe Is Falling Apart“. Das Album war wieder ganz auf Englisch, was angesichts der realpolitischen Ausrichtung aber nur sinnvoll war.

Fehlleistungen und Missverständnisse erlauben den Bruch der mythenumrankten Textvorlage.

Doch seien wir ehrlich: worauf deutschsprachige Laibach-Hörer warten, sind teutonische Kracher wie „Leben heißt Leben“ oder „Tanz mit Laibach“. Und siehe da: Laibach singen nun wieder auf Deutsch, indem sie Texte Friedrich Nietzsches vertonen. Also sprach Zarathustra spielt natürlich gezielt die Naziverdachtskarte aus, enthält doch gerade diese 1886 publizierte hymnische Prosa Nietzsches Elogen auf den berühmt-berüchtigten Übermenschen (mit dem er natürlich das Gegenteil dessen meinte, was die Nazis daraus gemacht haben). Außerdem schlägt man so noch eine subtile Brücke zu der (im Soundtrack von 2001: A Space Odyssey popularisierten) Vertonung von Richard Strauss aus dem Jahr 1896. Denn der war ja auch ein Nazi-Sympathisant, oder?

Aktueller Anlass für Laibach war eine Zarathustra-Produktion des slowenischen Anton-Podbevšek-Theaters, die im März 2016 in Novo Mesto Premiere feierte. Die Platte, quasi der Soundtrack zur Performance, vermeidet aber gezielt jegliche Klischees. Für solche Provokationen sind Laibach zu clever: kein Plädoyer für die Umwertung aller Werte, keine Feier des Willens zur Macht, keine Peitsche fürs Weib. Dafür gibt es atemberaubende Neoklassik-Instrumentals, atmosphärische Rezitationspassagen und wuchtige Dark-Ambient-Stücke. An seiner Aussprache des Deutschen muss Sänger Milan Fras indes noch feilen. Wenn er etwa mit Grabesstimme zitiert: „Ich bin ein Verkundiger des Witzes“, soll das eigentlich „Verkündiger des Blitzes“ heißen. Doch genau solche Fehlleistungen und Missverständnisse erlauben den Bruch der mythenumrankten Textvorlage. Erst die Fehler machen Kunstwerke haltbar, schrieb Heiner Müller. Das gilt für Nietzsches Philosophie – und für Laibachs sehr gelungenes neues Album.

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