Wut & Widerstand No. 4: Andreas Spechtl, Österreich – „Das Problem sind die Gegner, die fehlen.“

Für einen ausführlichen Schwerpunkt zum Thema Wut & Widerstand in der aktuellen Printausgabe SPEX No. 375 baten wir eine ganze Reihe an Kunst- und Kulturschaffenden aus aller Welt um Statements zur Frage: Is Anger An Energy? Die Originalstatements werden ab nun peu à peu hier veröffentlicht. Folge vier mit Andreas Spechtl aus Neusiedl am See, Österreich.

Wut ist für mich immer noch einer der Hauptantriebe, um morgens aus dem Bett zu kommen und irgendeine Form von Arbeit zu beginnen. Wobei man sehr unterscheiden muss zwischen der undifferenzierten Wut ohne Objekt und der ganz konkreten gegen gewisse Situationen oder sogar Personen. Erstere finde ich dabei weit weniger erstrebenswert und auch gefährlicher. Die schlummert ganz tief in den untersten Schichten der Gesellschaftspsyche und lässt sich sehr leicht instrumentalisieren.

„die Grenzen zwischen links und rechts, zwischen antimodern und Richtung Zukunft gewandt verschwimmen. Das macht mir Angst. So richtig.“

Der erste Schritt, um Wut in etwas Produktives und mitunter auch Schönes zu verwandeln, ist für mich immer das sie auslösende Objekt ausfindig zu machen. Das ist mitunter aber gar nicht so einfach. Auch dann kann Wut meiner Meinung nach erst zu Widerstand werden. Davor ist sie nur die verzweifelte Gestimmtheit einer depressiven Welt.

Ein Gefühl von rasender Wut, ohne auch nur im geringsten eine Ahnung von den Auslösern und / oder Adressaten ebendieser zu haben, ist der Status Quo fast aller Protestkultur, die mir momentan unterkommt. Hier verschwinden die Grenzen zwischen links und rechts, zwischen antimodern und Richtung Zukunft gewandt. Das macht mir Angst. So richtig. Alle sind ja wütend. Alle protestieren. Alle sind im Widerstand. Das ist gar nicht das Problem. Das Problem sind die Gegner, die fehlen. Ober besser: Die zu fehlen scheinen.

Alle Kurzinterviews mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt zum Thema Wut & Widerstand, die im Rahmen des Schwerpunkts in der Printausgabe SPEX No. 375 in gekürzter Form zu lesen sind, werden nach und nach online veröffentlicht. Das Heft kann im Onlineshop versandkostenfrei bestellt werden.