Der Ornithologe – Filmfeature zum Kinostart

Heiliger Antonius oder Storch-Freak Fernando? Paul Hamy in Der Ornithologe
Heiliger Antonius oder Storch-Freak Fernando? Paul Hamy in Der Ornithologe

Ein Vogel-Freak, der Heilige Antonius, lesbische Pilgerinnen, Waldgeister, Sex mit Jesus … Seltsames geschieht in João Pedro Rodrigues‘ Ornithologe. Der Film ist ein einziges großes Fest der Transformation.

Ursprünglich wollte João Pedro Rodrigues Ornithologe werden, dann kam er vom Weg ab und wurde Filmemacher. Von einer Verwandlung ganz anderer Art erzählt der portugiesische Regisseur in Der Ornithologe, einer queeren Variation auf die Geschichte des Heiligen Antonius. Fantastischer, schöner und hinreißender ist wohl noch keiner vom Weg abgekommen, um sich neu zu finden.

Auf der Suche nach seltenen Schwarzstörchen ist der gut gebaute Fernando (Paul Hamy) mit seinem Kajak auf einem abgelegenen Fluss unterwegs. Was er durch sein Fernglas beobachtet, hält er auf einem Diktiergerät fest. Der Naturfilm, der Der Ornithologe anfangs noch ist, gerät aber bald aus dem Lot. Zum einen erschüttern buchstäbliche Vogelperspektiven Fernandos Blickautorität, zum anderen transformiert eine wilde Passage durch Stromschnellen das Ganze in einen Abenteuerfilm. Doch auch dieser rutscht bald aus seinem Rahmen, um zunächst mit dem Western zu flirten und schließlich einer religiös-mystischen Fabel Platz zu machen. Schillerndes Personal durchkreuzt die Reise des sich gleichsam verlierenden wie findenden Helden Fernando/Antonio: zwei lesbische Pilgerinnen aus China, pinkelnde Waldgeister, Latein sprechende Amazonen, eine weiße Taube und ein taubstummer Hirte namens Jesus, mit dem Fernando Sex hat. Dieser muss bald einsehen: „Die Chinesinnen hatten recht, hier geht etwas Seltsames vor.“

Prachtvolle Cinemascope-Bondage: Der Ornithologe lässt die Seele baumeln.
Prachtvolle Cinemascope-Bondage: Der Ornithologe lässt die Seele baumeln.

In prachtvollen Cinemascope-Bildern mischt Rodrigues Märtyrer-, Auferstehungs- und Doppelgängermotive mit erotisch-fetischhaften Subtexten. Das passiert ohne ikonoklastischen Lärm, die blasphemischen Gesten sind zärtlich und sanft. Rodrigues geht es weniger um die Dekonstruktion oder Verschmutzung eines Mythos als um seine Vervollkommnung. Der Ornithologe ist ein Fest der Transformation, zu dem alle eingeladen werden, die sowieso schon da sind.

Der Ornithologe
Brasilien, Frankreich, Portugal 2016
Regie: João Pedro Rodrigues
Mit Paul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 375 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.