Make Orange Great Again – Roskilde Festival 2017 / Rückblende

Der Defibrillator Roskildes: Show Me The Body aus New York.

Mit dem orangefarbenen Zelt in Richtung Gleichheit: Die 47. Edition des dänischen Festival-Klassikers rückt in Roskilde die cultural equality in den Fokus. Acts wie Arcade Fire, Solange, Nas und Bonobo sowie 130.000 Menschen ziehen mit. Ester Cara ist auf der Suche nach dem Motto des Festivals und seiner Non-Profit-Philosophie durch den Schlamm Roskildes gestapft.

80.000 Festivalbesucher plus 20.000 Tagesticketgäste sowie 30.000 Freiwillige machen insgesamt 130.000 Paar Gummistiefel, die glückselig durch den Schlamm des 250 Hektar großen Geländes stapften. Ziel dieser Gummistiefel on the run waren an den acht Festivaltagen insgesamt 180 Konzerte mit Acts aus über 30 Ländern, verteilt auf neun Bühnen. Roskilde wurde damit für eine gute Woche zur viertgrößten Stadt Dänemarks.

Seit 1971 schon begeistert das Festival zigtausende Musik- und Kulturbegeisterte. Die Orange Stage, die Bühne der Headliner, wird von einem großen orangefarbenen Zelt überdacht, das zum Symbol des Roskilde-Spirits wurde. Eigentlich 1976 für zwei Konzerte der Stones gebaut, gab es Mick Jagger und Co. soundmäßig zu wenig her. Das Roskilde-Festival kaufte es ihnen ab, es mutierte zum Symbolcharakter des Festivals. Roskilde lebt mittlerweile vom orange feeling. Ulrich Hansen, einer der vielen Freiwilligen, betreut die Orange Stage schon seit über 40 Jahren. Der Lehrer nährt sich an den zigtausenden glücklichen Gesichtern der Festivalbesucher und verbringt Jahr für Jahr einen Großteil seiner Freizeit mit, für und auf dem Roskilde. Ein Roskilde-Gig der Stones, das trotz des komplett durchgeplanten Programms zu einem ziemlich beschissenen Konzert mutierte, blieb bei ihm besonders hängen: Vom Sound bis zum Licht ging alles daneben. Gerade das findet Hansen jedoch so genial, es stünde symbolisch für das menschliche Schaffen: „That’s music!“

Über den 60.000 Zuschauern der Orange Stage wacht in der Mitte, am höchsten Punkt des Zeltgerüsts, eine Badeente. Wie die da hingekommen ist, weiß kein Schwein, nur dass sie zwischendurch mal grün bemalt und einmal verschwunden war. Es folgten dem Festival-Hauptbüro zugesandte Fotos, die die Badeente auf Weltreise zeigten, bis das Quietschvieh nach dem Abenteuerurlaub in einem Paket wieder Richtung Heimat reiste.

Die diesjährige Edition des Festivals widmet sich der cultural equality. Make orange great again wäre ein passendes Äquivalent dazu: Von der Orange Stage aus blickt man auf eine Tribüne, ganz hinten steht auf buntem Grund in Versalien „we are all something“, der Künstler Aiko brachte dies an die Wand. Seit Stunde Eins ist das Festival deshalb ein Non-Profit-Event. Bis auf die gemieteten Mitarbeiter für Sound und Licht etwa arbeiten hier alle ehrenamtlich. Das Geld fließt in unterstützenswerte Projekte und soziale Organisationen, allein im letzten Jahr spendete das Roskilde insgesamt 1,5 Millionen Euro. Roskilde verpflichtet sich damit der Gemeinschaft, denn: we are all something.

des einen trash ist des anderen Notwendigkeit – mit dieser Reziprozität hält das Roskilde einmal mehr die Nachhaltigkeit hoch.

Und trotz solch rahmensprengender Dimensionen, die der Kopf kaum verarbeiten kann, wandern die mit Schlamm verzierten Gummibotten durch ein farbenfrohes, mit Liebe zum Detail gebautes Festivalgelände, mit um die Bühnen herum errichteten Themendörfchen: Die Art Zone reiht sich dem übergeordneten Festivalthema cultural equality mit dem Fokus human/non-human ein. Kunstschaffende präsentierten hier Skulpturen und Tonkunstobjekte, Performances, Talks und DJ-Sets, zur Interaktion von Natur und Kultur stehen auch mit Biosensoren ausgestattete Bäume zum Chatten zur Verfügung. Den Eingang zur Art Zone bildet ein Torbogen, der in Regenbogenfarben einen Regenwurm mimt. Hinter einer Klapptür am Torbogen warten Regenwürmer darauf, mit den Essensresten der Menschen gefüttert zu werden. Des einen trash ist des anderen Notwendigkeit – mit dieser Reziprozität hält das Roskilde einmal mehr die Nachhaltigkeit hoch.

Auch die Camps stehen für den Communitygedanken Roskildes ein – allen voran: Dream City. Hierher kommen die Menschen schon teilweise 100 Tage vor Festivalbeginn, um ihre kleine Stadt im Namen der Gemeinschaft und Identitätenvielfalt aufzubauen. Neben dem Dasein als Begegnungsstätte für die verschiedensten Feierkulturen – im Camp Dionysos geht’s historisch korrekt besonders derbe zu – bietet Dream City auch eine eigene Bibliothek, Feuerwehr und Poststelle. Letztere entstand vor einigen Jahren aus der Idee einiger Festivalbesucher heraus, dem Überdruss des Digitalzeitalters wieder etwas Haptisches entgegenzusetzen. Deshalb gibt’s hier eine Schreibmaschine zum Verfassen von Briefen. Papier und Briefmarken werden von der dänischen Post gesponsert. Die Roskilde-Post sendet sowohl von Camp zu Camp als auch weltweit, der Versand ist keinesfalls auf Briefe limitiert: Eine Bierflasche aus Roskilde wurde einst nach Brasilien verschickt, allerlei andere Absurditäten sind hier ebenso willkommen.

Roskildes Utopia hat aber auch schon eine Realitätsklatsche bekommen: Betritt man Dream City durch den Haupteingang, erblickt man ein hingeschmiertes „no homo“ auf einem orange leuchtenden Klotz. Die Utopisten reagierten schnell und modifizierten das dreckige Gekrakel zu einem „now homo“. Das emanzipatorische Gemüt fühlte sich etwas beschwichtigt. Humor haben die Dream-City-Bewohner auch: Ein Camp, bei dem alle aussehen wie Holger – die dänische Version von Waldo – extrahiert das traditionsreiche Suchspiel auf das Festivalgelände. Für die Nachhaltigkeit setzt sich das Camp Clean Out Loud ein: im Gegensatz zu den üblichen 200 Tonnen weggeworfener Klappstühle findet hier umweltbewussteres – und sichtlich saubereres – Camping statt.

Im Zeichen der Nachhaltigkeit agiert auch der Food Court des Roskilde Festivals: 90% des dort angebotenen Essens ist bio, mit der Vielzahl verschiedener Kulinaritäten bildet es ein weiteres Experimentarium des Festivals. Traditionell lieferten hier vor allem lokale Sportvereine und Organisationen allerlei Köstliches, mittlerweile beteiligen sich auch extravagantere Restaurants mit deutlich günstigeren Preisen für ihre Gerichte. Vielfältigkeit ist unter dem Festivalmotto der cultural equality auch hier präsent: Der Stand Sisters’ Cuisine wird von asylsuchenden Frauen betrieben. Die Kopenhagener Organisation Trampoline House setzte sich für die Teilnahme der Geflüchteten als Freiwillige ein, trotz des ausstehenden Asylantrags – und damit dem ihnen auferlegten Verbot, arbeiten zu dürfen. Mit Erfolg. Und: Das Trampoline House umgeht das Vergütungsverbot, indem es den Frauen Gutscheinkarten schenkt. Das Festival und seine Besucher finden das – und ihr Essen – besonders gut.

Ein Revival als Musik des Widerstands feierte zuletzt vor allem der Hip Hop. Auch Roskilde weiß das.

So mancher Act hat das politische Momentum des Festivals deutlich forciert. Ganz vorn mit dabei: Afrobeat-Erbe Seun Kuti & Egypt 80 gemeinsam mit Yasiin Bey aka Mos Def. Der Sohn von Afrobeatlegende und Politaktivist Fela Kuti hält selbst im 21. Jahrhundert noch die emanzipatorischen Visionen der Kalakuta Republic in aller Rigorosität hoch – ohne große Visuals oder Lichtspektakel, dafür aber mit voller Inbrunst, unermüdlichem Körpereinsatz und einer Menge polyrhythmischer Sounds. Kuti Jr. kreuzte mit seiner Bande traditionell-nigerianische Yoruba-Tänze und die performative Gewaltigkeit eines Screamin’ Jay Hawkins. Dazwischen und währenddessen: politische Statements – viele davon in soundgewordener Form. „Struggle Sounds“ etwa. Kuti dazu: Europa und Amerika redeten seit zwei Jahren von einem neuen Phänomen: fake news. Afrika, im Gegenzug, kämpfe seit 400 Jahren schon damit. Seun Kuti ernannte sich selbst zum struggle judge und statuiert: the class struggle is real. Yasiin Bey sang, tanzte und hämmerte auf den Percussions zum Sound des Kuti-Aktivismus mit. Mit Kuti Jr., seiner Band und den Tänzerinnen auf der Orange Stage wurde vor allem eines klar: Politik kann wirklich Spaß machen.

Ein Revival als Musik des Widerstands feierte zuletzt vor allem der Hip Hop. Auch Roskilde weiß das. Und mit dem Gig von Nas auf der Orange Stage wird des Genres Dringlichkeit einmal mehr präsent: Der New Yorker Rapper brachte vor allem Illmatic-Klassiker und seine generationsprägenden Punchlines in großen LED-Schriftzügen auf die Bühne. Alte Kamellen, könnte man denken – es zeigte sich jedoch: „The World Is Yours“ ist nach über 23 Jahren aktueller denn je. Vor allem, wenn es heißt: „I’m out for presidents to represent me“. Nas als Advokat des inoffiziellen Roskilde-Mottos Make Orange Great Again.

Ein in der Musikgeschichte oft diskutiertes Problem des fehlenden Benennens der Einflüsse oder benutzten Sampleschnipsel kann man Nas, seinem MC und Live-Drummer nicht vorwerfen: Bei seiner Performance hob er stets die Ursprünge seiner Inspirationen hervor. Beethovens „Für Elise“ spielte sein MC ein, bevor das Publikum den Chor in „I Can“ mitsang, Anekdoten und Lobpreisungen an Prodigy jauchzte Jones mehrmals in den Himmel, während im Hintergrund ein Porträt vom verstorbenen Mobb-Deep-Mitglied projiziert wurde. Michael Jackson begrüßte er mit dem Einspiel von „Human Nature“, bevor er zu seinem eigenen Song „It Ain’t Hard To Tell“ überging, und auch Bob Marley sandte er einen Gruß in die Ferne, bevor beide Versionen von „One Love“ angespielt wurden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here