Faber „Sei ein Faber im Wind“ / Review

Faber singt „Nutte“. Unser Autor fragt: Wo ist die eigene écriture? Hier kommt die Review zum Debüt Sei ein Faber im Wind.

Erster Eindruck: Fußgängerzone. Zweiter Eindruck: Poetry Slam. Dritter Eindruck: opportuner wannabe badass. Vierter Eindruck: falsche Eindrücke. Die Rede ist von Faber, 23, Klarname Julian Pollina, Zürcher mit, wie er nicht müde wird zu betonen, sizilianischen Wurzeln. Nach zwei EPs kommt der maturierte Musikgymnasiast nun zu seinem Debüt: Sei ein Faber im Wind. Ein epistemologisches Hörabenteuer.

Was es einem bei Faber mitunter so schwer macht, ist der Sound. Die Platte beginnt mit folkloristischem Polka-Gedudel und Blechbläser-Fallera, wechselt dann auf Salsa-Rhythmik, um sich dann doch dem Chanson-Pop zu verschreiben. Dabei nimmt er gern Anleihen bei Dmitri Schostakowitsch, Leonard Cohen und Pharrell Williams. Die musikalische Grenze zwischen mutigem Experiment und überambitioniertem Namedropping ist dabei fließend und zum Teil nervtötend.

Erster Eindruck: Fußgängerzone. Zweiter Eindruck: Poetry Slam. Dritter Eindruck: opportuner wannabe badass. Vierter Eindruck: falsche Eindrücke.

Ähnlich die Stimme: Faber krakeelt, presst, nuschelt, als wolle er allen beweisen, dass er noch einer von diesen alten Kippenfressern ist, die ihre Stimmbänder täglich mit zwei Packungen Gitanes filterlos räuchern. Zu selten findet er bei dem Versuch, wie ein Zwitterwesen aus Jacques Brel und Sven Regener rüberzukommen, seinen eigenen Ton, will cooler klingen als er müsste. Das riecht nach Pseudo-Authentizität und Plattitüdenhaftigkeit – was es nicht müsste.

Denn kommt man an den Faber an sich ran, quasi an den Faber der reinen Anschauung, abstrahiert von dem ganzen Gehabe und Getue, stößt man auf Passagen voller Sprachgewalt. Da singt jemand mit Herz, Hirn und Humor. Der Faber kann beobachten und reflektieren. Der Faber kann Liebeslied, kann Milieustudie und die Balance halten zwischen Haltung und ironischer Distanz. Und der Faber hat ein lyrisches Gespür. Und verließe er sich darauf und entwickelte dazu noch eine eigene musikalische écriture, dann hätte dieser Faber tatsächlich das Zeug zu einem großen Chansonier. Konjunktiv.

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