Twin-Peaks-Schöpfer Mark Frost: „Orwell würde sich umbringen“

Das Reich der Black Lodge: Es manifestiert sich hier und jetzt. Sagt Mark Frost.
Das Reich der Black Lodge: Es manifestiert sich hier und jetzt. Sagt Mark Frost.

Die dritte Staffel läuft: Twin Peaks, David Lynchs Mutter aller Mystery-Serien, gibt 27 Jahre nach Beginn der Saga neue Rätsel auf. Wir sprachen mit dem Mitschöpfer der Serie, Drehbuchautor und Schriftsteller Mark Frost, über das Reich der Black Lodge, ein Land zwischen Fakt und Fiktion und den besten Comedian der USA.

Mark Frost, in Ihrem Buch Die geheime Geschichte von Twin Peaks ist nichts über die rätselhafte White Lodge zu lesen, die in der von Ihnen gemeinsam mit David Lynch entwickelten Serie für das Gute steht. Das bedeutet hoffentlich nicht, dass sie in den neuen Twin-Peaks-Folgen keine Rolle spielt.
Es wird nach Abschluss der kommenden Staffel ein weiteres Buch geben, das über die Zeit zwischen dem Ende von Staffel zwei und dem Beginn von Staffel drei informiert. Sagen wir mal so: Sie werden nicht enttäuscht sein.

Es handelt sich also nicht um das Problem aus John Miltons Paradise Lost: dass das Gute immer ein bisschen langweilig ist im Vergleich zum Bösen.
Die Bösewichte sind immer am interessantesten. Sie glauben stets, dass sie genau das Richtige tun. Die aktuelle politische Situation in meinem Heimatland spiegelt das ganz gut wider. Wir leben in einer Zeit, in der sich das Reich der Black Lodge manifestiert. Menschen, die einfach Tugend und Nettigkeit ausstrahlen, mögen im Vergleich dazu etwas langweilig wirken. Doch es sind die Balance und der Konflikt zwischen Gut und Böse, welche die Essenz des Lebens bilden. Als wir damals für Twin Peaks eine ganze Stadt entwarfen, wollten wir das gesamte moralische Spektrum abbilden: die Extreme des absolut Bösen und Guten, aber auch sämtliche Abstufungen dazwischen.

Das extrem Böse in Twin Peaks ist bezeichnenderweise immer eine gesteigerte Form von Maskulinität.
Das Böse scheint mir in der Tat mit Ultramaskulinität einherzugehen. Auch hier ist es hilfreich, einen Blick auf einige Zeitgenossen zu werfen: Figuren wie Wladimir Putin oder Donald Trump sind auf absurde, komische Weise männlich. Jedes Hauchs einer weiblichen Seite beraubt, taumeln sie als Reflex in Richtung des Bösen. Es ist natürlich eine Männlichkeit, die in ihrer Übertreibung und ihrem Willen, sie um jeden Preis zu verteidigen, bereits zeigt, wie fragil sie in Wirklichkeit ist und wie bedroht sie sich fühlt. Wenn wir uns in der Geschichte umschauen, treffen wir auf wenige Beispiele, bei denen das anders ist. Es gibt nicht allzu viele historische Fälle eines ultrafemininen Bösen. Wenn man sich vor Augen führt, welch unvorstellbares Maß an Unheil im 20. Jahrhundert von Menschenhand geschah und dass es von Wesen verübt wurde, die zur gleichen Spezies gehören wie man selbst, kann man das Böse nicht mehr von sich weisen. Dann muss man sehr tief in sich schauen und sich fragen: Woher kommt dieses Böse in uns?

„Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“, fragt die Titelfigur in Dantons Tod von Georg Büchner.
Und weshalb ist es eine solch existenzielle und hartnäckige Konstante der menschlichen Erfahrung? Twin Peaks ist zumindest auf einer Ebene auch der Versuch, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Ebenfalls böse ist das in einer Militärbasis internierte Alien, das Richard Nixon in Ihrem Buch der Hauptfigur und dem Schauspieler Jackie Gleason zeigt. Ich finde es erfrischend, dass diese Begegnung der dritten Art nicht versöhnlerisch-humanitätsduselnd à la Spielberg verlief. Das Alien ist kein edler Unwilder, sondern wirkt wie die pure Verkörperung des Bösen, eine gruselige Szene.
Vor allem, wenn man bedenkt, dass sie Jackie Gleason als reale eigene Erfahrung geschildert hat. Während meiner Recherchen zum Unheimlichen in Amerika stieß ich auf diese von ihm zeitlebens geheim gehaltenen Berichte und wollte sie unbedingt einarbeiten. Sie haben mich höllisch erschreckt!

„Wir haben einen Wahnsinnigen am Steuer unseres Busses sitzen! Es ist furchterregend.“

Sie betreiben in Ihrer Geheimen Geschichte Geschichtsfälschung als schöne Kunst, indem Sie Fakt und Fiktion geschickt kombinieren. Das ist bei der Regierung Ihres Heimatlandes auch wieder modern. Trumps Beraterin Kellyanne Conway prägte den wunderbar Orwell’schen Begriff der alternative facts.
Als ich mit der Arbeit an dem Buch begann, waren wir noch nicht in die Vollmondphase dieses Mannes eingetreten, in die uns der 8. November 2016 mit seinem Wahlsieg stürzte. Der Mond war erst im Zunehmen begriffen. Vielleicht habe ich schon etwas herannahen gespürt, als es mich diesen seltsamen Pfad hinabtrieb, auf dem ich das Verweben von Fakt und Fiktion als hochgradig angemessen empfand. Das Buch nimmt auf unheimliche Weise die Welt, in der wir jetzt leben, vorweg. Wissen Sie, wir haben einen Wahnsinnigen am Steuer unseres Busses sitzen! Es ist furchterregend.

Über die dystopische Science-Fiction-Satire Idiocracy von Mike Judge, die eine geistig völlig regredierte Gesellschaft der Zukunft zum Thema hat, kann man nicht mehr so recht lachen, weil sie plötzlich so real geworden ist.
Ja, es ist schlimm. Trump ist wie eine Show des Entertainers Andy Kaufman. Wenn er nicht so gefährlich wäre, müsste man feststellen: Das ist einer der besten Comedians in den USA. George Orwell würde es derzeit so satt haben, ständig betonen zu müssen: „Ich hab’s euch doch gesagt.“ Vermutlich würde er sich umbringen.

Ich dachte eigentlich, dass wir in der Menschensteuerung schon bei Aldous Huxley angelangt wären. In seinen Büchern wird nicht mehr durch die krude Gewalt des Überwachens und Strafens geherrscht, sondern durch smoothe Verführung.
Ja, Huxley ging davon aus, dass die menschliche Spezies an einem Übermaß von Lust und Genuss zugrunde gehen würde. Und dann kriecht jemand wie Trump aus dem Sumpf und verhält sich wie ein Wiedergänger der autoritären Orwell’schen Machtvariante.

Das Geheimnis von Trumps Erfolg ist, dass er sich wie eine Art rechter Anarcho-Punk verhält, der das Establishment und seine diplomatischen Gepflogenheiten offen verachtet.
Er lässt jede empathische Qualität vermissen. Er ist nicht nur ignorant und weiß nichts von dem, was ein Politiker wissen sollte, er ist auch ein Soziopath. Der Zerfall des Gemeinwesens durch den Umstand, dass so jemand an die Spitze des Staates gewählt wird, ist im Subtext meines Buches antizipiert.

Der mythische Held, wie er vom Jungianer Joseph Campbell in seinem Werk The Hero With A Thousand Faces von 1949 beschrieben wird, muss im Verlauf seiner Suche dem eigenen Schatten begegnen, um sich spirituell zu vervollkommnen.
Das ist das, was Agent Cooper in Twin Peaks tut. Einer wie Trump dagegen weigert sich nicht allein hartnäckig, sich mit seinem Schatten zu konfrontieren, sondern erkennt nicht einmal dessen Existenz an. Eben das macht ihn selbst zum Schatten. Trump ist Bob.

 
Twin Peaks
USA 2017
Regie: David Lynch
Mit Kyle MacLachlan, Sherilyn Fenn, Sheryl Lee, Mädchen Amick u. a.

Mark Frost: Die geheime Geschichte von Twin Peaks
Übersetzt von Stephan Kleiner
Kiepenheuer & Witsch

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 374 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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