Credit: Berlin / Das Modelabel GmbH im Feature

Familie: das Berliner Modelabel GmbH
Familie: das Berliner Modelabel GmbH

Das Berliner Modelabel GmbH feierte gerade große Erfolge – in Paris. Funktioniert Berlin als ästhetischer Sehnsuchtsort nur in der Theorie? Wir haben schon anlässlich ihrer ersten Kollektion bei den Labelgründern Benjamin Alexander Huseby und Serhat Isik nachgefragt.

Es sind die Freiräume, der Hedonismus und die schöne Kaputtheit, die Berlin seit Jahrzehnten regelmäßig zur Blaupause für internationale Modekampagnen macht. Aber auch wenn Christiane F. und die „legendäre“ Clubkultur in der Modefotografie schon tausendfach zitiert worden seien, nenne kaum jemand Berlin als Credit, sagt Benjamin Alexander Huseby.

Die erste Kollektion seines gerade gegründeten Labels GmbH aber, die sich, obwohl eigentlich für Männer entworfen, „Girls In Love“ nennt und mit seiner futuristisch-glatten Ästhetik aus Lackleder und PVC und ein paar Reißverschlüssen an den richtigen Stellen den eher pragmatischen denn eleganten Stil der Berliner Ausgehkultur zusammenfasst – wo sonst, als in Berlin, könnte sie entworfen worden sein?

Serhat Isik versteht GmbH als seine Familie. Und als „zeitgeistige Angelegenheit“: Das im Kollektiv von Freunden arbeitende Label argumentiert mit flachen Hierarchien gegen den Starkult um einzelne Designer in der Modeindustrie. Es geht hier nicht um Egos, das zeigt auch der Labelname, der die Bildersuche bei Google schwieriger gestaltet als den Weg zu einem geheimen Rave. Zwei Rollen sind aber klar definiert – die des vestimentären Handwerkers: Isik hat Modedesign studiert und früher ein Label unter eigenem Namen betrieben; und die des Inszenierers: Huseby ist seit seiner Kindheit in Norwegen modemagazinsüchtig und fotografiert heute Kleidung an Menschen.

„bei GmbH geht es nicht vordergründig um brown people, sondern um Kollaborationen und intuitive Entscheidungen.“

„Seitdem ich mich mit Mode beschäftige, interessiert mich immer auch der politische Aspekt – zum Beispiel, wie es mich geprägt hat, als muslimischer Junge aufzuwachsen“, erzählt Isik und relativiert dann, dass bei GmbH jeder Background im Team wichtig sei. In der ersten Kollektion findet sich ein kurzer Kaftan – „bei GmbH geht es aber nicht vordergründig um brown people, sondern um Kollaborationen und intuitive Entscheidungen. Einzige Limitierung: Man verwendet Materialien, die aus ungenutzten Lagerbeständen großer französischer Modehäuser stammen. Die Verknappung der Stückzahlen kann in fast-fashion-Zeiten schon fast als Poesie bezeichnet werden, auch wenn sich der Nachhaltigkeitsgedanke aus zwei gegensätzlichen Grundvoraussetzungen entwickelte: dem Wunsch, hochwertige Stoffe zu verarbeiten, und einem vergleichsweise kleinen Startkapital. Das Finanzielle regelt sich hoffentlich von selbst, sagt Huseby: „GmbH ist ein Business, aber wir haben kein kommerzielles Konzept. Es soll groß genug sein, um Jobs für unsere Freunde zu schaffen, damit sie nicht nach und nach alle nach Paris auswandern. Mir ist wichtig zu beweisen, dass Berlin funktionieren kann.“

Dieser Text ist zuerst in SPEX No. 371 erschienen. Die Ausgabe kann noch immer versandkostenfrei im Shop bestellt werden.