Halbzeit: Die Album-Top-20 der SPEX-Redaktion 2017 so far

Musikhören ist auch Arbeit (Symbolbild aus der SPEX-Redaktion)

Das Glas ist schon halbvoll: Die SPEX-Redaktion feiert die ersten 20 Album-Favoriten des Halbjahres 2017.

_______________

#20 Chastity Belt – I Used To Spend So Much Time Alone 

Jennifer Beck auf spex.de:
Am Ende war schon vieles besser früher, Chastity Belts Musik war es nicht. Es gibt eine Lebensphase, in der Songs über abgepulten Nagellack und pussy, weed, beer ihre Berechtigung haben. Weil sie sich dringlich anfühlen, weil Musikmachen eben genau dort beginnt. Und es gibt ein Leben danach, in dem abgepulter Nagellack und pussy, weed, beer ihre Berechtigung haben – man aber keine Lieder mehr darüber schreiben muss. Dort beginnt I Used To Spend So Much Time Alone.

_______________

#19 Children Of Alice – Children Of Alice 

Arno Raffeiner:
Wie klingt eine Rappelkiste gehört durch die Wattebauschohren eines Nagetiers mit Sonnenstich? Sowas in der Art müssen sich Children Of Alice gefragt haben, als sie allerlei Krams und Klimbim zu ihrem unbetitelten Debütalbum zusammenklaubten. James Cargill von Broadcast, Roj Stevens (früher ebenfalls bei Broadcast) und Julian House von The Focus Group würdigen mit der Lewis-Carroll-Referenz in ihrem Projektnamen nicht nur Cargills 2011 verstorbene Broadcast-Partnerin Trish Keenan, die maßgeblich von Alice im Wunderland inspiriert war. Sie nehmen die sonischen Verheißungen des Wunderlands auch tierisch ernst, wie schon das 22-Minuten-Eröffnungsstück „The Harbinger Of Spring“ ganz sanft und ganz bestimmt klar macht. Traumhaft desorientierende Wühlmausmelodien.

_______________

#18 Joey Badass – All-Amerikkkan Badass

Dennis Pohl:
Sorry, white America but I’m about to black out“, rappt der 22-jährige New Yorker MC Joey Badass auf seinem zweiten Album All-Amerikkkan Badass. Und besser könnte man die Platte nicht zusammenfassen. Zwölf Songs gegen white supremacy und institutionalisierten Rassismus. Pointiert, wortgewaltig, tanzbar. Er sehe es, ganz im Sinne Nina Simones, als seine künstlerische Pflicht, die Gegenwart zu porträtieren, sagt Badass im Interview in SPEX No. 375. Das ist ihm auf All-Amerikkkan Badass mit größtmöglicher Drastik gelungen. Die abgeschmackte Ice-Cube-Referenz eines Amerika mit drei K im Titel verzeiht man da gerne.

________________

#17 Vagabon – Infinite Worlds

Jennifer Beck auf spex.de:
Infinite Worlds ist nicht nur eine Gitarrenplatte, die gleichzeitig Ambient-, Spoken-Word- und die Emo-Platte ist, für die American Football immer zu männlich waren. Es ist vor allem die Entscheidung gegen Programmiercodes und für Let’s-drum-DVDs, gegen die Angst und für eine Stimme, die viele Geschichten in vielen Sprachen und von der schlichten Erkenntnis erzählt, dass Freiheit auch die Freiheit ist, zu Hause zu bleiben – ankommen aber nur möglich, wenn man sich auf den Weg macht.

________________

#16 Infinite Bisous – W/Love

Jennifer Beck:
Der ehemalige Mac-DeMarco-Gitarrist und sein Drumcomputer sind nach Paris gezogen, um zu machen, wofür diese Stadt gemacht ist: Proust lesen und Cheap-sex-Musik. XOXO – hier kommen Rory McCarthys Grüße aus der Spannbettlakenzone. Billig, haarig und unendlich gut. Wie wahre Liebe.

_______________

#15 Dirty Projectors – Dirty Projectors

Daniel Gerhardt:
David Longstreth hat das Breakup-Album nicht erfunden, aber mit Dirty Projectors revolutioniert: Ohne Tränen und Gefühlsdusel-Folkkram verhandelt er auf dem achten Album seiner zum Soloprojekt heruntergekürzten Band die highs und lows einer Künstlerbeziehung. Dazu erklingt unter anderem der einzig wahre Studenten-Rap.

_______________

#14 Diamanda Galás – All The Way

Annika Reith:
Diamanda Galás macht niemand mehr was vor. Die Avantgardemusikerin spielte schon vor gut 50 Jahren in der Band ihres Vaters Klavier und begann wenig später, ihren heute gerne als „Naturgewalt“ bezeichneten Gesang in allen möglichen Extremen zu trainieren. All The Way, eine von zwei Veröffentlichungen dieses Jahr, zeugt von äußerster technischer Präzision und musikhistorischem Know How. Mehr griechische Tragödie als Goth (Stichworte: eleos und phobos), dekonstruiert und re-interpretiert Galás darauf Jazz- und Blues-Stücke mit Todesthematik und vertont unter anderem ein Suizidgedicht von Cesare Pavese.

_______________

#13 Mutter – Der Traum vom Anderssein

Max Dax auf spex.de:
Es gibt eine neue Mutter-Platte und somit keine Antworten, dafür aber ganz viele neue Fragen.

________________

#12 Run The Jewels – Run The Jewels 3

Daniel Gerhardt:
Was nach Run The Jewels 3 nur noch zu klären bleibt: Ob Killer Mike und El-P das beste Rap-Duo seit Outkast oder doch schon aller Zeiten sind. Mit konkurrenzloser Klugheit und Beweglichkeit elefantieren die beiden durch ein weiteres Album, das den Spaß in der Katastrophe sucht und im Angesicht von Dummheit, Trump und big money zur notfalls gewaltsamen Gegenwehr aufruft.

________________

#11 Xiu Xiu – Forget 

Annika Reith:
„Clap, bitches“, auf Forget wagen Xiu Xiu Elendszelebrierung in schmissig. Zumindest gilt das für die erste Hälfte der Platte und besonders für den autoaggressiven Smash-Hit „Wondering“. Danach zerfällt dann auch klanglich, was Jamie Stewart und die vielen Kollaborationspartner*innen (Vaginal Davis!) schon vorher kaputtgehackt haben. Sie wollten es so.

1 KOMMENTAR

  1. schön und gut, liebe spex.
    möchte allerdings noch 3 hervorragende alben anfügen, die ihr m.E.n. übergangen habt.
    einerseits Broken social scene – „Hug of thunder“ … zum anderen die zwar schamlos aber gekonnt plagiierenden Lea porcelain aus Frankfurt/Main mit ihrem Album „hymns to the night“ und natürlich (für mich völlig zu unrecht hier nicht gelistet) Slowdive!!!
    lieben grusz.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here