Der Tod von Ludwig XIV. – Filmfeature zum Kinostart

Chiffre für Sonnenkönige mit wasserstoffblonden Toupets? Jean-Pierre Léaud in Der Tod von Ludwig XIV.
Chiffre für Sonnenkönige mit wasserstoffblonden Toupets? Jean-Pierre Léaud in Der Tod von Ludwig XIV.

Jean-Pierre Léaud war das Gesicht der Nouvelle Vague. Als Schauspieler entwickelte er nie Rollen, sondern eine Handschrift. Die ist jetzt in Der Tod von Ludwig XIV. zu bestaunen, einem tableau mourant von Albert Serra.

Albert Serras Film Der Tod von Ludwig XIV. ist eine Agonie. Er erzählt das elende Dahinsiechen des größten Hedonisten der französischen Geschichte. Der Sonnenkönig in Versailles kann kaum noch gehen, darbt in prunkvoller Bettstatt, umringt von Leibärzten, Lakaien und Scharlatanen. Sie mühen sich um die Heilung des wundgelegenen Sires, verordnen Diäten, verabreichen Tinkturen, tragen Salben auf. Doch der König wird sterben.

Serras Bild vom verfaulenden Autokraten ließe sich als Chiffre lesen für zeitgenössische Dekadenz, für Sonnenkönige mit wasserstoffblonden Toupets statt grauer Allongeperücken. Aber sein Vanitas-Kammerspiel ist weniger politischer Fingerzeig als eine Totenmesse für den Mythos französisches Kino. So sterben im Film zwei Sonnenkönige: der historische und jener der Nouvelle Vague.

Trotz Leibärzten, Lakaien, Scharlatanen: Ludwig XIV. wird sterben.
Trotz Leibärzten, Lakaien, Scharlatanen: Ludwig XIV. wird sterben.

Seinen Ludwig besetzte Serra mit Jean-Pierre Léaud. Es ist dessen grandioseste Darbietung seit François Truffauts epochalem Sie küssten und sie schlugen ihn aus dem Jahr 1959, an dessen Ende er als Waisenkind Antoine Doinel so eindrücklich in die Kamera blickt. Mit diesem Standbild beginnt die Nouvelle Vague. Sie gestattet dem französischen Kino eine neue Exzentrik, überfrachtet es fortan aber auch mit renitenter Posenhaftigkeit und grenzenlosem Geniekult. Léaud ist der Inbegriff dieses Kinos. Als Schauspieler entwickelte er nie Rollen, sondern eine Handschrift: eine spezifische Art zu sprechen, zu gehen, zu blicken.

In Der Tod von Ludwig XIV. verbannt Serra Léaud ins Bett, lässt ihn kaum eine Zeile sagen. Minutenlang starrt Léaud in die Kamera, ein Blick voller Apathie und Traurigkeit, ein tableau mourant, ein barockes Gemälde voller Samtkissen, Brokatdecken, güldenem Zierrat. Es ist das Negativ schlechthin zu jenem schlichten, prosaischen Doinel, der frei, wild, trotzig, einsam an der bretonischen Küste steht. Der Film ist keine Hommage, sondern eine Entmystifizierung. Der König ist tot. Es lebe das Kino.

 
Der Tod von Ludwig XIV.
Frankreich, Portugal, Spanien 2016
Regie: Albert Serra
Mit Jean-Pierre Léaudd, Patrick d’Assumçao, Marc Susini, Irène Silvagni, Bernard Belin, Jacques Henric u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 375 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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