„Das ist vermutlich der beste Flow der Welt“ – Vorspiel für Kendrick Lamar / neues Video zu „Element“

Foto: Erik Weiss

Kendrick Lamar ist ein begnadeter Texter. Unter Beweis stellt er das aktuell auf seinem Album Damn., dessen nächste Single „Element“ heute Videopremiere feiert. Es zeichnete sich aber schon vor dem Wahnsinn unseres Albums des Jahres 2015 To Pimp A Butterfly ab, bereits Good Kid, m.A.A.d City war ein sich über zwölf Stücke erstreckender Spielfilm, dessen Komplexität bei gleichzeitiger Eigenständigkeit jedes einzelnen Kapitels schon eine Leistung für sich war. Ausführend produziert wurde dieses die Jahresendlisten beherrschende Album von niemand geringerem als Dr. Dre, der Dank seiner kaufmännischen Leistungen im Segment der Kopfhörermanufaktur sicher bestens wusste, wie gute Musik anno 2013 bitteschön zu klingen hatte. Anlässlich dessen trafen wir Kendrick Lamar für ein Vorspiel, das nun erstmals in voller Länge online zu lesen ist. Er fläzte in Jogginghose auf einer durchgesessenen Ledercouch, zog die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht und die Bändel so fest zu, dass nur noch Augen und Nasenspitze herausschauten. Er sah fast ein bisschen wie E.T. aus. Geschlossene Augen, gelangweiltes Schnaufen – für einen Moment fürchtete man, er habe vielleicht so gar nichts zu sagen. Aber als die ersten Töne des „Gangster Boogie“ ertönten, war Lamar voll und ganz bei der Sache.

Toddy Tee feat. Mix Master Spade
„Gangster Boogie“
Von der 12-Inch„Gangster Boogie“ — 1988

„Gangster Boogie“ ist eine der Lieblingsplatten Ihres Vaters, richtig?

In der Tat. Mein Vater hat Toddy Tee geliebt, seine Songs schallten durch das ganze Haus. Nicht nur dieses Lied hier, sondern auch „Snooty Fox“, ein sehr anzüglicher Song, auf dem Toddy erzählt, wie er mit einer Frau Sex in einem Hotel hat, das den Namen„Snooty Fox“ trägt.

Big Daddy Kane
„Ain’t No Half-Steppin’“
Vom Album Long Live The Kane — 1988

Auch dieser Song erinnert mich sehr an meinen Vater. Er spielte Musik von Big Daddy Kane, als er mich und meine Mutter nach meiner Geburt aus dem Krankenhaus nach Hause fuhr.

Ihrem Vater haben Sie ja eine sehr breite musikalische Sozialisation zu verdanken. Aber gab es nie Probleme wegen der expliziten Lyrics?

Ach, wenn ich etwas wissen wollte, habe ich meinen Vater gefragt. Bei uns zu Hause wurde ja auch viel geflucht. Insofern war das egal. (lacht)

Compton’s Most Wanted
„Raised In Compton“
Vom Album Straight Check’N Em — 1991

Als Comptons Most Wanted ihre großen Erfolge feierten, war ich noch viel zu klein, um das alles zu verstehen. Ich habe mich lange nicht mit ihnen beschäftigt. Erst später wurde mir klar, was für eine enorme Bedeutung MC Eiht für uns alle hatte: Jeder hat versucht, wie er zu rappen und dabei seine Reimstrukturen und Betonungen imitiert.

2Pac
„Dear Mama“
Vom Album Me Against The World — 1995

2Pac war schon in jungen Jahren ein großer Einfluss für mich. Er spricht auf diesem Song von einem behutsamen und besonderen Thema, zu dem jeder einen Bezug hat: die Mutter. Auch wenn meine Mutter nicht in allen Erziehungsfragen perfekt war, wusste sie dennoch, was sie tat, und wollte nur mein Bestes. So abgedroschen es auch klingt: Sie hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Diesen Song konnte ich schon als Kind hören und habe ihn wirklich verstanden. Von vielen, sehr sexuell angehauchten Texten kann ich das nicht behaupten. Aber das hat den Song so besonders gemacht: Mit ihm konnten sich sogar Kinder, wie ich eines war, identifizieren.

Wie erklären Sie sich den Legendenstatus von 2Pac?

Er war ein unglaublich guter Songschreiber. Seine Fähigkeiten – seien es die Vielfalt an Themen oder seine Dichte an Wortspielen – ist beeindruckend. Das half ihm dabei, etwas genau so zu sagen, wie er es meinte. Das ist heutzutage ein großes Problem von Rappern. Aber 2Pac stand die Sprache nicht im Weg, sondern er machte sie sich zu eigen und hatte stets alles unter Kontrolle. Etwas, das ich auf meinem Album Good Kid, m.A.A.d City ebenfalls versucht habe.

Wie lernt man das am besten?

Man beobachtet, man liest, man schreibt. Und dann probiert man, sich die Sprache anzueignen. Welche Laute lenken die Aufmerksamkeit? Wo lässt man am besten eine Pause? Wo setzt man seine Stimme druckvoller ein? Rapper unterschätzen häufig ihre Stimme als Instrument.

Notorious B.I.G. feat. R. Kelly
„Fuck You Tonight“
Vom Album Ready To Die — 1997

Eines meiner absoluten Lieblingslieder! Ich kenne es in- und auswendig. Gerade muss ich daran denken, wie ich den Text Zeile für Zeile auf ein Blatt Papier geschrieben habe, um ihn auswendig zu lernen. Da war ich vielleicht zehn oder elf Jahre alt. (beginnt mitzurappen:) „Girl you look fine, like a windface Rolex, you just shine. I like the waistline, let me hit that from behind.“ Das ist vermutlich der beste Flow der Welt. Wenn Biggie eines konnte, dann flowen.

Lil Wayne
„Tha Block Is Hot“
Vom Album Tha Block Is Hot — 1999

Lil Wayne,„Tha Block Is Hot“. Das hören wir im Sommer immer noch sehr gerne. Wayne war stets das talentierteste Mitglied der Hot Boyz.

Mögen Sie den alten, hungrigen oder den neuen Drogen nehmenden Gitarrero-Lil-Wayne lieber?

Ach, ist doch völlig egal. Wayne vereint das Beste aus zwei Welten. Früher war er etwas rauer und härter, heute ist er eben erwachsener und macht richtige Songs. Beides hat einen gewissen Reiz.

Viele Leute sagen, er hätte sein Talent und Charisma mittlerweile verloren. Anders gesagt: Er sei komplett übergeschnappt.

Das ist nicht das Problem. Er ist kein Frischling mehr, sondern schon mit 14 Jahren dabei gewesen. Er muss es niemandem mehr beweisen und will das auch nicht mehr. He’s done.

Rapper unterschätzen häufig ihre Stimme als Instrument.“

K. Dot
„Whatcha Know About That“
Vom Mixtape Youngest Head Nigga In Charge — 2003

(summt mit) Das klingt nach einem von meinen eigenen Songs – nach einem sehr alten Song. (grinst)

In der Tat. Er stammt von Ihrem ersten Mixtape aus dem Jahr 2003. Im Internet suchen Ihre Fans wie verrückt danach und bieten hohe Summen für die CD.

„Whatcha Know About That“ ist das einzige Stück, das man finden wird. Denn der Einzige, der das Mixtape „Younges Head Nigga In Charge“ besitzt, ist mein Vater. (hört zu) Das ist ein ziemlich guter Song, dafür, dass ich gerade mal 16 Jahre alt war.

Was war der 16-jährige Kendrick Lamar damals für ein Junge?

Ich war hungrig. Ich brannte darauf, zu rappen und habe einfach mein Maul aufgerissen. Damals wollte ich einfach zeigen, dass ich da bin. Mittlerweile würde ich nicht wie damals einfach drauflos rappen. Es hat Jahre gedauert, meine Texte so zuzuspitzen und an der Vortragsweise zu feilen, dass ich mich genau so ausdrücken kann, wie ich mag. Aber das war ein guter Anfang.

Dr. Dre feat. Eminem
„Forgot About Dre“
Vom Album 2001 — 1999

Ein wahnsinnig guter Song, oder? Als er rauskam, lief das Video auf MTV rauf und runter. Ich war ungefähr 13, als 2001 erschien.

Welche Bedeutung hat dieser Klassiker für Sie gehabt?

Das Album klang so groß! Die Skits, die Features, natürlich die Musik generell – es war eine perfekte Compilation, es war das perfekte Album. Hier rappt ja auch Eminem. Seine Experimentierfreude, Aggressivität, seine Art zu reimen und seine Songideen haben mich immer schon beeindruckt und beeinflusst. He went outside of the box. Das versuche ich auch.

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