Die Verführten – Filmfeature zum Kinostart

In Die Verführten kochen mehr Emotionen hoch, als Colin Farrell und Kirsten Dunst schlucken können.
In Die Verführten kochen mehr Emotionen hoch, als Colin Farrell und Kirsten Dunst schlucken können.

Sofia Coppola ist die Meisterin des Unaufdringlichen. Ihr Remix der Hahn-im-Korb-Story Die Verführten lebt von den feinen Unterschieden. Der Film läuft ab 29. Juni im Kino.

Cover-Versionen und Remakes sind ein gefundenes Fressen für die Popkultur, weil sich über nichts so gut streiten lässt wie über kleine Unterschiede. Und Sofia Coppolas Neuverfilmung von Die Verführten / The Beguiled ist schon deshalb sehenswert, weil sie ein faszinierendes Beispiel dafür gibt, wie anders eine Erzählung durch diese kleinen Unterschiede wirken kann. Setting, Kostüme, Handlung – auf den ersten Blick scheint alles verdammt ähnlich zu sein wie in Don Siegels 1971er Adaption von Thomas Cullinans Bürgerkriegs- und Südstaatenroman.

Da findet ein verletzter Unions-Soldat (Colin Farrell in der einst von Clint Eastwood gespielten Rolle) Unterschlupf in einem Mädchenpensionat in Virginia. Wegen der angespannten Kriegslage hat Direktorin Martha (Nicole Kidman) zusammen mit Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) nur noch fünf Mädchen in ihrer Obhut. Bei allen sieben Frauen löst die Anwesenheit des Mannes starke Reaktionen aus, mit denen der Soldat, geblendet von der ihn umgebenden weiblichen Aufmerksamkeit, allzu unbesonnen umgeht. Im umzäunten Areal der Villa kochen die Emotionen hoch. Begehren, Verführung, Eifersucht und Zurückweisung schließen sich zu einem fatalen Teufelskreis, und Kidmans Martha äußert ein Filmzitat für die Ewigkeit: „Edwina, get me the anatomy book!“

Bei allen Frauen löst der Hahn im Korb starke Reaktionen aus (Hahn nicht im Bild).
Bei allen Frauen löst der Hahn im Korb starke Reaktionen aus (Hahn nicht im Bild).

Doch wo Don Siegel den Stoff als Kastrationsalbtraum inszenierte, mit Inzest und anderen Perversionen im schwülen Hintergrund, vollbringt Sofia Coppola das Kunststück, durch Reduktion mehr Vielschichtigkeit zu erreichen. Ihre Version ist mit 95 Minuten Laufzeit satte zehn Minuten kürzer, aber trotzdem fühlt es sich an, als hätten die weiblichen Figuren mehr Raum. Sei es die mütterlich-strenge Martha, die für Komplimente allzu empfängliche Edwina oder die sexuell aggressive Alicia (Elle Fanning) – statt in misogyner Stereotypie begründet Coppola ihr Sehnen mit den Erfahrungen weiblicher Gefangenschaft in Normen und Konventionen, wobei im geschliffen geschriebenen Drehbuch auch das Komödiantische der Hahn-im-Korb-Situation nicht zu kurz kommt. Bei alledem erweist Coppola sich einmal mehr als Meisterin des Unaufdringlichen: Es reicht ein Blinzeln, schon verpasst man etwas. Zum Beispiel wie großartig Kirsten Dunst in diesem Film spielt.

 
Die Verführten
USA 2017
Regie: Sofia Coppola
Mit Kirsten Dunst, Elle Fanning, Colin Farrell, Nicole Kidman u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 375 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.