Stockhausen des Afrofuturismus: SPEX präsentiert „Space Is The Place“ & Sun Ra Arkestra / Verlosung

Der Free-Jazz-Pionier und Sonnengott aus dem All: Herman Poole Blount aka Sun Ra.

Intergalaktische Sounds und Freiheitsutopien: Das Rapid Eye Lab hat das letzte existente Filmmaterial des afrofuturistischen Streifens Space Is The Place komplett neu abgetastet. Heißt: Sun Ra kann man bald auch auf Retinadisplays bei seiner sozialkritischen Sci-Fi-Free-Jazz-Reise begleiten. SPEX präsentiert und verlost Tickets für die Weltpremiere der Neufassung von Space Is The Place inklusive Performance des Sun Ra Arkestra.

Ohne Musik kann der Erdball sich nicht bewegen. Weil er einen bestimmten Sound hat, einen bestimmten Rhythmus – gäbe es diesen nicht, stünde die Welt in Sekundenschnelle still. So formulierte Sun Ra einst seinen Blick auf den Globus. Will man Sun Ras Musik und Visionen besser verstehen, muss man stets die Geschichte der Sklaverei im Blick behalten, der Avantgardist kam 1914 im zerrütteten Alabama zur Welt. Sun Ra, mit bürgerlichem Namen Herman Poole Blount, zählt zu den Pionieren des Free Jazz, seine bevorzugte Tonart ist der space key. Man könnte sagen: Sun Ra ist der Stockhausen des Afrofuturismus.

Sein Arkestra – der Name ist eine Zusammensetzung aus Orchester und Arche – bildet das Gegenteil zum Sklavenschiff, es ist das klanggewordene Rettungsboot seiner Mitmenschen. Ein Zufluchtsort für all jene, die einst aus der Geschichte ausradiert wurden oder werden sollten. Sun Ra eilt zu Hilfe, mit dem Arkestra geht’s sogar outer space, denn Space Is The Place. Space funktioniert bei Ra im doppelten Sinne: Da ist das ferne Weltall als Sehnsuchtsort für Freiheitsliebende und da ist der Raum, den man als einen sicheren, frei von Rassismus und Segregation imaginiert.

So auch im Film Space Is The Place. Dieser vereint gleichermaßen Sci-Fi, Free Jazz, Sozialkritik und Afrofuturismus im Opernkleid und geht zusammen mit dem Kalifornien der Siebzigerjahre, in dem sich alles um Entwürfe für kollektives Miteinander, Utopien und die Freiheitskämpfe der schwarzen Bevölkerung drehte. In Space Is The Place sucht Sun Ra nach Mitteln und Wegen, seine Visionen einer besseren Welt wahr werden zu lassen. Ein paar Jahre durchs All gedüst, kommt er nun mit neuer Inspiration für sein Vorhaben auf die Erde zurück.

Die Idee: die Vision gar nicht erst auf Erden zu realisieren. Mit einem Raumfahrtprogramm befördert Ra seine Auserwählten in die Galaxis des Übermorgens, um dem Rassismus auf Erden zu entkommen, zeitgleich gründet er eine Agentur zur Mobilisierung weiterer Akteure für sein Projekt. Die Nasa kriegt jedoch Wind von Ras Raumschiffaktion, zudem muss er sich auch dem Overseer im Kartenduell stellen, mit dem die Zukunft der schwarzen Bevölkerung steht und fällt. Sun Ra meint, das einzig wahre intergalaktische Medium Musik wird es sein, das dem Leid der schwarzen Bevölkerung ein Ende setzen wird. Man sieht: Space Is The Place ist nicht nur abgespaced, es hat thematisch auch heute noch Relevanz.

Am 26. Juni findet im Berliner Babylon Kino die Weltpremiere der digitalen Fassung des Films Space Is The Place statt – das Rapid Eye Lab hat das letzte 35-mm-Filmmaterial, das es dazu noch gibt, komplett neu abgetastet und somit John Coneys Streifen aus den Siebzigerjahren mit B-Movie-Ästhetik für das Digitalzeitalter konserviert. Eingangs gibt’s eine Performance vom Sun Ra Arkestra, das mittlerweile schon über 60 Jahre auf dem Buckel hat und seit dem Tod Ras vom Bandkollegen und avantgardistischen Multiinstrumentalisten Marshall Allen geleitet wird.

Zuletzt traf SPEX Allen kurz nach seinem 90. Geburtstag für ein Vorspiel – welche Zusammenhänge er zwischen Carl Craig, Stockhausen und dem Arkestra sieht, kann hier gelesen werden. Nach der Filmvorführung werden Produzent Jim Newman sowie das Sun Ra Arkestra für ein Gespräch anwesend sein. Und für die, die gar nicht mehr genug bekommen: am darauffolgenden Tag, dem 27. Juni, gibt das Sun Ra Arkestra noch ein Konzert im Festsaal Kreuzberg.

SPEX verlost 2 x 2 Tickets. Einfach eine Mail mit Betreff „Space Is The Place“ an gewinnen@spex.de senden. Wer nicht auf Fortunas Gunst hoffen will, kann sich Tickets schon direkt hier sichern.

Ein ausführliches Interview mit Marshall Allen ist in SPEX No. 354 erschienen und kann hier nachgelesen werden. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.

SPEX präsentiert Space Is The Place – Weltpremiere mit Performance des Sun Ra Arkestra
26.06. Berlin – Babylon Kino